Ukraine: Die vergessenen Opfer der Shoa
Seit dem 25. Februar 2022, seit dem Angriffskrieg Russlands, ist die Ukraine in den Schlagzeilen der westlichen Medien. Denn für Europa ist der Krieg „die schlimmste Krise in Europa seit Jahrzehnten“, wie UN-Generalsekretär António Guterres feststellte. Das meint nicht nur den Krieg selbst, sondern auch dessen Auswirkungen: Millionen Flüchtlinge, verteuerte Energie und allgemeine Teuerung und die damit verbundenen wirtschaftlichen Folgen und vieles mehr.
Durch den Krieg ist die Ukraine den Europäern dauerhaft näher gerückt. Denn, sieht man einmal von den Umwälzungen der Majdan-Revolution ab, war die Ukraine zuvor einfach nur einer der vielen sowjetischen Republiken über die man kaum etwas wusste. Das hat sich in den letzten vier Jahren grundsätzlich geändert: Vergangenheit und Gegenwart des Landes sind mit einem Mal von Interesse. Zur Geschichte des kriegsgebeutelten Landes gehört auch, dass die Ukraine eines der Länder ist, die im Zweiten Weltkrieg, die meisten jüdischen Opfer hatte.
Judenmord an Ort und Stelle
Die meisten Opfer der gesamten Shoa gab es in Osteuropa. Doch „was den Holocaust in Westeuropa von dem in Osteuropa unterscheidet, ist die Logistik des Verbrechens“, erklärt Magdalena Saryusz-Wolska in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. „Während die meisten westeuropäischen Juden Hunderte und Tausende Kilometer weit mit dem Zug in den Tod transportiert wurden, fand der Genozid in Osteuropa gewissermaßen ‚vor Ort‘ statt.“ Saryusz-Wolska ist Professorin für Kulturwissenschaften und Direktorin des Deutschen Historischen Instituts Warschau. Ermittelt wurden mehr als 2000 Orte in der Ukraine, in denen es zur Erschießung von Juden durch Deutsche kam, so Patrick Desbois in seinem Buch „Der vergessene Holocaust“. Der katholische Priester ist Beauftragter der französischen (katholischen) Bischofskonferenz für die Beziehungen zum Judentum.
Holocaust der Kugeln – Verstreuter Holocaust
Die Juden wurden vor ihr Dorf oder ihre Stadt getrieben, mussten zumeist selbst die Grube für das Massengrab ausheben und wurden an Ort und Stelle brutal und barbarisch in die Grube geschossen, viele waren nicht tot und wurden unter Leichen begraben. Ukrainer mussten helfen, das Gelände abzusichern. Geschätzt kamen so etwa 1,5 Millionen Juden in der Ukraine um. In der Forschung wird daher vom „Holocaust der Kugeln“ (im Blick auf die Tötungsart) oder vom „verstreuten Holocaust“ gesprochen. Oft sind die Orte der Verbrechen in der Ukraine nicht oder nur dürftig gekennzeichnet.
Die heute 95-jährige Halina aus Ivano Frankivsk berichtet am Rande einer Gedenkveranstaltung, dass sie als Kind mitansehen musste, wie ein solches Verbrechen von Deutschen in ihrem Dorf verübt wurde. Ihr Vater habe sie auf das Dach des Hauses geholt und zu ihr gesagt: „Das musst du mitansehen und später bezeugen. Das glaubt uns sonst keiner.“ Im Verlauf ihres langen Lebens wurde die Frau nie mehr auf das schreckliche Verbrechen in ihrem Heimatort angesprochen oder danach gefragt, bis es 2024 zu einer Gedenkveranstaltung in Ivano Frankivsk kam. Nicht selten zwangen die deutschen Nazis ukrainische Kinder, sich Erschießungen anzusehen. Manche mussten, so Patrick Desbois, sogar auf den toten oder nur fast toten Körpern herumtrampeln; damit sollten Erdsetzungen vermieden werden.
Wie brachial, unmenschlich und würdelos diese Erschießungen waren, zeigt ein Bericht aus Brzozów, einer Stadt im Karpatenland im heutigen Polen, in der am 10. August 1942 einige Hundert Juden von deutschen Sicherheits- und Ordnungspolizisten erschossen wurden: „Einen Tag zuvor mussten polnische Zwangsarbeiter im Wald hinter dem Priesterseminar eine Grube ausheben. Zwei Meter breit und zehn Meter lang soll sie gewesen sein. Einer der Zwangsarbeiter, die das Verbrechen beobachteten, erzählte den Seminaristen später: ‚Auf der Lichtung im Wald wurden [die Opfer] vollständig entkleidet. Danach musste sich jeder, einer nach dem anderen, auf den Boden legen. Er kroch bis zum Rand der Grube auf die quer darauf liegenden Bretter, erhob sich, bis er kniete, und wurde von hinten erschossen oder erstochen. Die Kinder wurden durch einen Hieb mit der Brechstange auf den Kopf erschlagen. Die sich noch bewegenden Leichenschichten wurden mit Chlorkalk bestreut.‘“
In erster Linie waren die Deutschen die Täter, aber die östlichen Länder, auf deren Boden die Verbrechen begangen wurden, müssen diese Verbrechen an den Juden „verwalten“. In ihrer Verantwortung liegt das Gedenken an die Gräuel. Der Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland wurde zu einer Heldenerzählung verklärt und konstituierend für den kommunistischen Staatenbund. Dies macht Prof. Jörg Ganzenmüller von der Stiftung Ettersberg in Weimar deutlich. Diesen heroischen wie opferreichen Kampf gegen den Faschismus der Nazis beschwört Russland heute erneut, in dem es behauptet, die Ukraine sei ein faschistischer Staat, den es zu bekämpfen gelte.
Kaum ein Blick auf die jüdischen Opfer
In diese Erzählung vom heldenhaften Krieg und Sieg über Nazideutschland passte der Fokus auf Opfer nicht hinein, und schon gar nicht der auf besondere Opfergruppen wie die Juden. Zusätzlich verkompliziert wird das alles dadurch, dass es auch Täter auf Seiten der Länder gab, die gegen die Deutschen kämpften oder mit ihnen kollaborierten. Und noch weiter erschwert wird der Blick auf die Juden, weil sie nicht als Teil der jeweiligen Nation verstanden wurden, sondern als geduldete Fremdkörper.
„Die Juden galten demnach nicht als eine besondere Opfergruppe und die Shoah ging vollständig in den Verbrechen der deutschen Besatzer auf. Dies ist auch an zahlreichen sowjetischen Denkmälern zu sehen. Das 1976 errichtete Denkmal von Babyj Jar erinnert zum Beispiel an die mehr als hunderttausend Bürger von Kiew und Kriegsgefangenen, die von den deutschen faschistischen Angreifern hingerichtet wurden. Das ist nicht falsch, und geht an der eigentlichen Bedeutung von Babyj Jar dennoch vorbei. Hier wurden an zwei Tagen, am 29. und 30. September 1941, mehr als 33.000 Kiewer Juden erschossen“, so Ganzenmüller.
In Zabolotiv (am Fuß der Karpaten am östlichen Rand Galiziens) wurden 1200 Juden aus dem Ort ermordet. An sie wurde lediglich allgemein als Opfer des Faschismus erinnert. Am 7. Juli 2023 wurde das neue Denkmal eingeweiht, das nun auch darauf hinweist, dass es sich um Juden handelte.
Einheimische Juden wissen nichts von den Erschießungen
Am Ende des Zweiten Weltkriegs lebten nahezu keine Juden in der Ukraine mehr. Danach siedelten sich nach und nach wieder Juden aus anderen osteuropäischen Ländern an. Die Angaben über die heutige Zahl der Juden in der Ukraine schwanken stark. Zudem ist nicht klar, wie viele Juden seit 2022, dem Beginn des Angriffskrieg Russlands, geflohen sind. Josef Zissels schätzt die Zahl auf rund 250.000 Juden, wobei er die nicht-jüdischen Mitglieder der gemischten Familien mitzählt. Zissels spielte eine entscheidende Rolle bei der Wiederbelebung des jüdischen Lebens im Land. Er war Mitbegründer und früher Leiter des Verbandes jüdischer Organisationen und Gemeinden (Vaad)der Ukraine. Dadurch, dass die heute in der Ukraine lebenden Juden sich erst nach dem Krieg dort niederließen, wussten sie nichts über die Gräueltaten und Erschießungen der Nazis in ihrer neuen Heimat.
Deutscher Pfarrer initiiert Gedenkveranstaltungen
Der evangelische Pfarrer Hans-Joachim Scholz hat es sich zur Aufgabe gemacht, der jüdischen Opfer dieser Gräueltaten zu gedenken. Scholz ist Pfarrer im Ruhestand und lebt in Straubenhardt am Nordrand des Schwarzwaldes. Mit weiteren Christen initiiert er seit Sommer 2023 Gedenkveranstaltungen für ermordete Juden. Mit dem Vorschlag für eine Gedenkveranstaltung stößt er ausnahmslos auf große Offenheit in der Ukraine, nicht nur bei Vertretern der Juden, sondern auch bei den christlichen Kirchen und Gemeinden vor Ort sowie den kommunalen Verantwortungsträgern wie Bürgermeistern und regionalen Verantwortlichen.
Für Scholz geht es bei den Gedenkveranstaltungen in der Ukraine um einen Kernauftrag der Christen. Sie seien gerufen, sich für Frieden und Versöhnung einzusetzen. Dass Juden und Christen auf den Gedenkveranstaltungen auf jüdischen Friedhöfen gemeinsam beteten, sei möglich, weil sie an den Gott Abrahams, Isaak und Jakobs glauben, den sie im Sinne Jesu „unseren Vater“ nennen. Er verweist dabei auf eine Stelle aus dem Alten Testament: „Du, Herr, bist unser Vater; ‚unser Erlöser‘, das ist von alters her dein Name“ (Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 63, Vers 12). Er fügt hinzu: „Juden und Christen können miteinander beten!“

Pfarrer i.R. Hans-Joachim Scholz (re.) und der Oberrabbiner von Tscherniwzi (Czernowitz), Schapsa Israilowitsch Averuch (August 2025). Foto: H.-J. Scholz
Aus dem Miteinander der Christen mit den Juden erwächst eine besondere Kraft
Wichtig ist Scholz eine möglichst breite christliche Allianz für die Gedenkveranstaltungen: Neben Vertretern der Synagoge lade er nicht nur die orthodoxen Kirchen, sondern auch die griechisch-katholische Kirche und auch Freikirchen ein. Aus diesem Miteinander der Christen erwachse eine besondere Kraft der Versöhnung. Mit seiner Frau Rita gründete er 2022 die „S’Lamm“-Versöhnungsdienste der GGE (Geistliche Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche in Deutschland). Wichtig sei es, Antisemitismus und Nazi-Ideologie als Sünde zu benennen, nicht etwa nur als moralische Katastrophe, Zivilisationsbruch oder weltanschauliche Perversion.
Brücken des Friedens
Scholz will Brücken des Friedens bauen. Dabei spricht er auch von seinem Großvater, der als Pionier im Zweiten Weltkrieg über Flüsse, die durch die Ukraine fließen, Brücken gebaut hat. Von den Ukrainern wurde die Wehrmacht als Befreier von der kommunistischen Herrschaft gefeiert. Was er erst später begriff: sie hatten Brücken des Todes gebaut, denn hinter der Front fanden die Massenerschießungen statt.
Hans-Joachim Scholz arbeitete seit 2004 im Vorstand des deutschen Freundeskreises der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (Jerusalem) mit. Er und seine Frau Rita organisierten von 2006 bis 2018 jährlich Fortbildungen für Pfarrer und Religionslehrer zum Thema „Holocaust-Pädagogik“ an der International School for Holocaust Studies in Jerusalem., Holocaust-Überlebende treffen und begreifen, dass wir Deutsche die Scham und die Schande nur mit dem Entschluss zur Wahrheit ertragen werden.
Das Miteinander der Christen bei dem Gedenkveranstaltungen in der Ukraine sei auch deshalb von großer Bedeutung, sagt Hans Scholz, weil der Krieg Russlands gegen die Ukraine auch in einem jahrhundertealten Kirchenkonflikt, einem Konflikt von Christen, wurzele: dem Streit um das Kyjiver Erbe.