Ist der Sohn des Schahs ein Hoffnungsträger?
Die Einschätzungen über die Zukunft des Iran sind denkbar verschieden: Die einen sehen das Regime fest im Sattel, andere, wie der Iran-Experte Raz Zimmt, sehen Anzeichen für eine „langanhaltende revolutionäre Situation“ mit immer wiederkehrenden Ausbrüchen. Der Israeli Zimmt ist ausgewiesener Iran-Kenner und arbeitet am Alliance Center for Iranian Studies in Tel Aviv.
Zu den jüngsten Protesten hatte der älteste Sohn des letzten Schahs von Persien aufgerufen. Reza Pahlevis Vater wurde 1979 aus dem Land vertrieben und starb kurz darauf im Exil. Der Schah galt als Freund des Westens, aber er regierte das Land autoritär, Gegner wurden inhaftiert und gefoltert. Die Zeit des Schahs steht daher nicht für Demokratie, aber zumindest für eine relative Freiheit des Glaubens und ein gewisses Ansehen im Ausland. Der Wohlstand erreichte nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung. So hatte die islamische Revolution 1979 viel Zuspruch im Volk, als sie den Monarchen stürzte und die islamische Republik ausrief. Pahlevi ist heute 65 Jahre alt und zog bereits 1978, noch vor der islamischen Revolution, in die USA. Er machte dort eine Ausbildung zum Kampfpiloten und studierte. Nach dem Tod seines Vaters 1980 erklärte er sich in Ägypten ohne Erfolg zum Schah, er lebt heute in der Nähe von Washington. Rezas Vater, Mohammad Reza Pahlevi, regierte von 1941 bis 1979, dessen Vater, der die Pahlevi-Dynastie im Iran begründete, von 1925 bis 1941.
Bereits im Juli 2025 hatte sich Reza Pahlevi mit über 500 iranischen Vertretern (Exilanten, Dissidenten und Aktivisten und Vertretern ethnischer Gruppen) in München getroffen und eine „Konvention für die nationale Rettung Irans“ erarbeitet. Ein Kontakt zwischen ihm und dem früheren iranischen Präsidenten Hassan Rohani und dem früheren iranischen Außenminister Javad Zarif führte zur Festnahme von Rohani und Zarif, wie der israelische Sender Kanal 14 berichtete.
Zweifel an Reza Pahlevis demokratischen Absichten
Pahlevi ist umstritten. Für die einen ist er ein Hoffnungsträger, andere sind zurückhaltender, weil sie fürchten, er könne, einmal an der Macht, die Monarchie wieder einführen, was er bestreitet. Doch mit ihm hat die Opposition eine Person, hinter der sich die sehr unterschiedlichen Oppositionsgruppen erstmals einen können. Das gab es bisher nicht.
Doch einige haben Zweifel, ob Pahlevi tatsächlich einen demokratischen Weg einschlagen will und würde. Trotz dieser Vorbehalte sehen sie in ihm eine Person, die den Übergang des Iran zu einem demokratischen Staat gestalten könnte. Iman (wir nennen seinen Nachnamen nicht), der seit einigen Jahren in Deutschland lebt, teilt diese Einschätzung. Er weist zugleich darauf hin, dass es Pahlevi bislang nicht gelungen sei, bei der Bildung einer Oppositionsgruppe unterschiedliche politische Strömungen glaubhaft zusammenzuführen. In einem neuen Iran erwartet er, dass die iranische Verfassung geändert wird. Und dazu müsse er konkrete Vorschläge für eine neue Verfassung unterbreiten. Darin müsse geregelt sein, dass der Islam nicht länger die herrschende Religion sein, sondern eine unter mehreren.
Im Interview mit den ARD-Tagesthemen erklärte Pahlevi zur Situation im Iran: „Ich nenne das nicht mehr Protest, es ist eine richtige Revolution einer Nation, die 46 Jahre religiöser Diktatur und Tyrannei satt hat … Aber wenn man im Krieg ist, dann ist man bereit, bis zum Ende zu kämpfen.“ Er erwartet Hilfe von der „freien Welt“, die nicht ein weiteres Mal glauben dürfe, das Regime besänftigen zu können. Pahlevi beschreibt seine eigene Rolle als Unterstützer der Proteste und sieht sich durch die iranische Bevölkerung legitimiert. Er betont, dass er die Zukunft des Iran mitgestalten will: „Wie ich dort hinkomme, daran arbeite ich, aber ich möchte da sein, auch noch vor dem Zusammenbruch des Regimes, wenn es möglich ist. Aber ich werde möglichst schnell da sein, um meinen Landsleuten zu helfen und uns in die nächste Phase zu führen.“ Einen konkreten Machtanspruch weist er allerdings zurück: „Und die Welt muss verstehen, dass ich hier bin, um beim Wandel zu helfen. Ich kandidiere nicht für ein Amt. Ich verlange nichts im Gegenzug. Aber ich weiß, wie entscheidend meine Rolle sein könnte, hier der Agent des Wandels zu sein. Als Vater der Nation und als Diener des Volkes. Das ist mein Versprechen an das Volk, und darum vertrauen sie mir und haben mich gerufen.“
Zur Kritik, er stehe nicht für Demokratie, machte Pahlevi deutlich, dass er schon lange in westlichen und demokratischen Ländern lebe. Er kenne die Mechanismen und Werte der Demokratie, er wisse um die Bedeutung von Gewaltenteilung, Transparenz und des Kampfes gegen Korruption. Er habe es verstanden und in der Praxis gelernt.
Wie verhalten sich die USA?
Der in Deutschland lebende Iman ist fest davon überzeugt, dass militärische Hilfe aus dem Ausland notwendig ist, und denkt dabei an die USA und Israel. Das Volk habe keine Waffen und könne sich nicht gegen die Sicherheitskräfte, die Armee und die Revolutionsgarden stellen. „Ich möchte weder Trump noch irgendeiner anderen Person vertrauen, wenn es um die Befreiung Irans geht. Doch im Interesse des iranischen Volkes und Irans selbst befürworte ich ein militärisches Eingreifen, militärische Unterstützung durch die USA sowie Hilfe beim Aufbau einer demokratischen Verfassung, so wie es die USA nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan getan haben“, so Iman.
Wie sich die USA im Blick auf die Unruhen im Iran verhalten, ist unklar. Das liegt nicht nur am unvorhersehbaren wie wankelmütigen Regierungsstil Trumps. Während der Proteste hatte er zwar eindeutig Partei für die Opposition ergriffen und das Ende des muslimischen Staates ausgerufen. Doch sonst ist nichts passiert. Aus dem südchinesischen Meer ist der Flugzeugträger Abraham Lincoln mit drei Zerstörern und Begleitschiffen in Richtung Iran unterwegs. Der Flugzeugträger kann tausende Soldaten sowie Dutzende Kampfflugzeuge und Hubschrauber transportieren. Aber ob diese Streitgruppe mehr Drohkulisse ist oder mit der ernsthaften Absicht verbunden ist, im Iran militärisch einzugreifen, ist offen. Zumal die Amerikaner in der Nahost-Region über Soldaten und Kampfflugzeuge verfügen. Am wahrscheinlichsten sind Bombardements wie im Sommer 2025, in denen es, gemeinsam mit israelischen Kampfjets, gegen Einrichtungen zur Urananreicherung und Atomwaffenherstellung ging.
Die oppositionellen Iraner erwarten mehr politische Hilfe von westlich-demokratischen Ländern. Dass Deutschland immer noch Handel mit dem Iran treibt, ist für Iman unverständlich. Er kann auch nicht nachvollziehen, dass die Revolutionsgarden hierzulande nicht als Terrorgruppe eingestuft wurden. Für Azadeh Taghipour, Mitarbeiterin des auch im Iran tätigen Missionswerks Elam, ist es nur schwer zu ertragen, dass der iranische Außenminister Abbas Araghtschinur wenige Tage nach der blutigen Niederschlagung der Proteste Gast auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos war.

Azadeh Taghipour auf einer Solidaritätsveranstaltung für die iranische Opposition in Hannover 2022.
Islam-Regime hat den Menschen den Islam verhasst gemacht
Der Iran ist der Verfassung nach eine islamische Republik. Doch spätestens seit den über 45 Jahren des Ajatollah-Regimes verbindet die Bevölkerung mit dem Islam vor allem Unfreiheit, Korruption, Gewalt, Unterdrückung und Misswirtschaft. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass das islamische Regime dem Volk den Islam verhasst gemacht hat.
Nach dem Verständnis der Mullahs ist der Iran ein islamischer Gottesstaat. Deshalb seien Aufstände auch eine Auflehnung gegen Gott. Darauf weist die Islamwissenschaftlerin Katajun Amipur hin. Sie ist Professorin für Iranistik an der Kölner Universität. Dass der Islam herrschen muss und die Lösung für alles ist, so Amipur, glaube die Bevölkerung nicht mehr. Ironisch stellt sie in ihrem Buch „Iran ohne Islam“ fest: „Nur eine islamische Revolution konnte die islamischen Wurzeln ausreißen.“ Amipur geht davon aus, dass der Iran nach einem Sturz des Mullah-Regimes zu einem multireligiösen Staat wird.
Wunsch nach Frieden
Viele Menschen wünschen sich Freiheit und suchen eine Religion des Friedens und das sei der Islam für die Iraner nicht, berichtet Azadeh Taghipour vom Missionswerk Elam, das auch Büros in Deutschland hat. Der Name Elam bezieht sich auf ein in der Bibel erwähntes Königreich. Die Stadt Elam existiert noch heute im Iran als Provinz Ilam im Westen des Iran an der Grenze zum Irak. Taghipour und Iman berichten, dass sich viele Enttäuschte, vor allem der mittleren Generation, dem christlichen Glauben zuwenden. Von den rund 92 Millionen Iranern sind heute etwa 1,2 Millionen Menschen Christen, wie das internationale Hilfswerk Open Doors schätzt und deren Zahl nimmt stark zu.
Christen leben gefährlich
Menschen, die den muslimischen Glauben im Iran hinter sich lassen, leben allerdings gefährlich. Sie sprechen zumeist in der weiteren Familie und Verwandtschaft nicht über ihren Glauben. Iman kam durch einen Freund im Iran, ebenfalls ein Mitarbeiter von Elam, zum christlichen Glauben. Als sein Freund verhaftet wurde, entschloss er sich sein Heimatland zu verlassen. Zu groß war die Gefahr, dass sein Freund ihn unter Folter verraten könnte. „Ich hätte es ihm nicht übelgenommen“, sagt er.
Elam betreut Christen und Hausgruppen im Iran, die sogenannten Hauskirchen, von denen es viele und immer mehr gibt. Christliche Gemeinden sind im Land verboten und können nur geheim agieren. Über Webinare vermittelt Elam Inhalte des Glaubens und der Bibel oder leitet Neu-Christen an, selbst christliche Gruppen zu leiten. Dazu wurden verschiedenste Materialien in Farsi (die Sprache der Perser) erstellt. Die Betreuung, Kurse und Unterricht, auch Schulungen – das alles läuft via Internet.
Seit das Internet während der letzten Proteste im Iran am 8. Januar gesperrt wurde, treffen sich die Christen ohne Verbindung zu den Elam-Helfern. Azadeh Taghipour sieht darin auch eine Chance, dass sie lernen, selbständiger in ihrem Glauben zu leben. Dafür hofft und dafür betet sie. Elam engagiert sich auch stark für christliche Iraner, die in europäischen Ländern leben.
Doch gibt es Informationen, dass der Iran in absehbarer Zeit, das Internet des Landes vom Ausland komplett abkoppeln will. Bisher ist es so, dass auch viele wichtige staatliche Dienste und Aufgaben während einer Abschaltung des Internets nicht funktionieren. Mit Hilfe von Russland und vor allem China wird an dieser radikaleren Lösung gearbeitet, wie die Gruppe Filter.watch berichtet, sie spricht von einer „absoluten digitalen Isolation“ .Demnach verabschiedet sich die Islamische Republik vom bisherigen Modell der massenhaften Zensur einzelner Plattformen und Inhalte und ersetzt es durch eine noch radikalere Logik: Der Zugang zum globalen Internet soll grundsätzlich gekappt werden. Nur noch ausgewählte Dienste sollen unter strengen Bedingungen online bleiben. Konnektivität wäre damit kein allgemeines Gut mehr, sondern ein staatlich vergebenes Privileg – abhängig von Sicherheitsfreigaben und Loyalität.“
Azadeh Taghipour und Iman schauen mit Erwartung auf den Tag, an dem die religiöse Diktatur ein Ende hat und sich ein politisches System etabliert, das Freiheit und Demokratie ermöglicht. Sie erwarten, dass sich dann viele ihrer Landsleute dem christlichen Glauben zuwenden.