Ein US-Präsident auf den Spuren von Jesus?
Die religiöse Überhöhung Donald Trumps treibt immer absurdere Blüten. Zuletzt gipfelte sie in einer Fremd- und Selbststilisierung als Erlöser. Doch endlich regt sich Widerstand.
„Niemand hat den Preis bezahlt, wie Sie ihn bezahlt haben. Es hat Sie fast Ihr Leben gekostet. Sie wurden verraten, verhaftet und fälschlich angeklagt. Das ist ein bekanntes Muster, das uns unser Herr und Retter gezeigt hat. Aber für ihn hat es an dieser Stelle nicht geendet und es hat auch für Sie nicht da geendet.“
Diese Worte richten sich nicht an Christen, die unter großer Gefahr für ihren Glauben einstanden. Es sind exakt die Worte, die Pastorin Paula White beim diesjährigen Osterbrunch im Weißen Haus an US-Präsident Donald Trump richtete. White leitet seit 7. Februar 2025 das „White House Faith Office“, ein Büro für Belange des (christlichen) Glaubens. Die Fernsehpredigerin ist seit 2017 im Öffentlichkeitsteam von Donald Trump und seine spirituelle Beraterin.
An Trump gerichtet: „Weil er (Jesus) siegreich war, werden Sie siegreich sein“.
Weiter sagte Paula White beim Osterbrunch: „Gott hatte immer einen Plan. Am dritten Tag stand er von den Toten auf, er besiegte das Böse, er besiegte den Tod, die Hölle und das Grab. Und weil er von den Toten auferstand, wissen wir alle, dass auch wir auferstehen können. Und wegen seiner Auferstehung erstanden auch Sie auf [Hinweis auf das überlebte Attentat im Wahlkampf, Juli 2024; Anm. d. Red.]. Weil er siegreich war, werden Sie siegreich sein. Und ich bin überzeugt, dass der Herr mir sagte, Ihnen mitzuteilen: Aufgrund seines Sieges werden Sie in allem siegreich sein, was Sie anfassen.“ Unter dem Applaus der Zuhörenden im Weißen Haus verglich sie die Politik des US-Präsidenten mit Jesus, seinem Wirken und seinem Tod am Kreuz.
Breite Kritik auch von Evangelikalen
Dass Donald Trump von der überwältigenden Mehrheit der evangelikalen Christen in den USA gewählt wurde und diese zu seinen treuesten Unterstützern zählen, ist nichts Neues. Aber die religiöse Überhöhung bis ins Absurde steigert sich. So postete Trump auf seiner Plattform Truth Social ein KI-generiertes Bild, das ihn als Jesus zeigt, der einem Kranken die Hand auflegt. Als das auch etlichen christlichen Anhängern des US-Präsidenten zu viel war, ruderte Trump zurück und behauptete, er hätte gedacht, das Bild zeige ihn als Arzt. Doch das Gewand und das Licht, das Trump auf dem Bild umgibt und von ihm ausgeht, spricht eine andere, eine zutiefst kitschig-religiöse Sprache.
Ein Sakrileg und Blasphemie“
Eine Kritik aus evangelikalen Kreisen formulierte Bonnie Kristian, Redakteurin des christlichen US-Online-Magazins „Christianity today“: „Selbst wenn Trump in allen von ihm angesprochenen Punkten – Kriminalität, Corona-Maßnahmen, Iran, Venezuela und Aktienmarkt – Recht hätte, ist es dennoch grotesk falsch von ihm, sich auf eine Stufe mit Christus zu stellen und Autorität über die Kirche Christi zu beanspruchen.“ Und weiter: „Die in diesem Bild dargestellte Erhöhung ist unbestreitbar … Es zeigt nicht, wie Trump unglaubwürdig behauptete, ihn ,als Arzt, der Menschen gesund macht’ … Es ist schlicht und einfach ein Sakrileg. Es ist Blasphemie.“
Kristian verglich das Fehlverhalten Trumps mit dem des alttestamentlichen Königs David, als er eine Frau begehrte und ihren Mann in den sicheren Tod an der Front schickte. Kristian resümiert ihre Kritik: „Trump sagt, es gebe nichts, wofür er sich entschuldigen müsste’, aber mir fallen mindestens zwei Dinge ein: die Infragestellung der Herrschaft Christi und die Verachtung Gottes.“
„Ein alter Mann, dessen Ich-Sucht keine Grenzen kennt“
Georg Löwisch, Leiter des politischen Feuilletons der „Zeit“, zeigte sich in seinem Kommentar zu der religiösen Trump-Propaganda demonstrativ erleichtert. Viel zu lange und ernsthaft habe man versucht, Trumps Handeln zu erklären und zu verstehen, dabei sei die Erklärung seines Denkens ganz simpel: „Es ist etwas Erstaunliches, ja Nützliches passiert. US-Präsident Donald Trump hat eine Darstellung von sich als Jesus Christus verschickt. Damit hat er die Wahrnehmung von sich, die vielen Deutungen, die strategischen Analysen, die Suche nach Motiven, auf einen Punkt zurückgeführt: ein alter Mann, dessen Ich-Sucht keine Grenzen kennt.“ Seinen Beitrag stellte Löwisch unter die Überschrift „Auf absurde Weise eine Erlösung“.
Donald Trump in den Armen von Jesus
Wenige Tage später repostete Trump ein weiteres Bild. Hier ist er im Arm von Jesus zu sehen, der Kopf von Jesus ruht vertraut und liebevoll auf Trumps Kopf. Der eine Arm von Jesus ist um ihn gelegt, die andere Hand von Jesus berührt ihn an der Brust über dem Herzen. Jesus scheint Trump innig zu lieben und zu beschützen. Im Hintergrund der beiden eine amerikanische Flagge. Donald Trump postete dazu folgenden Text: „Ich war nie ein besonders religiöser Mensch … aber es scheint so, als ob Gott angesichts all dieser satanischen, dämonischen, Kinder opfernden Monster, die entlarvt werden, seine Trump-Karte ausspielt!“
Den Post kommentiert Ulrich Reitz, Chefredakteur von Focus-Online, scharf: „Mehr Narzissmus geht einfach nicht. Was Trump sagt und postet, ist hochfahren, blasphemisch, unverschämt, anmaßend – whatever you like. Es hat allerdings einen Fehler: Dieses Mal wird diese Macho-Masche nicht funktionieren.“
Franklin Graham: Dank für Trumps starke Führung
Einen Tag nach Ostern versicherte Franklin Graham, Gründer und Präsident des christlichen Hilfswerkes „Samaritan Purse“, Trump seiner Unterstützung. In einem kurzen Brief dankte er ihm für seine „starke Führung“. Zu Anfang bemerkte er: „Ich bete heute für Sie und dafür, dass Gott Sie leitet und ihre Entscheidungen lenkt. Ich weiß, dass viele Millionen Menschen in unserem Land und in der ganzen Welt auch für Sie beten.“ Pastor Franklin Graham unterstützt Trump und gehört zu den bekanntesten christlich-evangelikalen Persönlichkeiten in den USA; er ist Sohn des weltweit bekannten Evangelisten Billy Graham.
Adam Kinzinger: „Es ist christlicher Nationalismus“
Der frühere republikanische Kongressabgeordnete Adam Kinzinger verurteilte scharf und pointiert die christlichen Mäntelchen der US-Regierung: „Was die Trump-Regierung aufgebaut hat und was Graham und einige andere jahrelang theologisch verkleidet haben, ist nicht das Christentum. Es ist christlicher Nationalismus – der Glaube, Amerika sei einzigartig auserwählt, eine bestimmte Strömung des konservativen Protestantismus solle in Recht und Kultur privilegiert sein, und der starke Mann im Oval Office sei in gewisser Weise göttlich dazu berufen, dies zu verwirklichen.“
Deshalb könne Trump ein Bild von sich posten, auf dem er von Jesus geführt wird, ohne ernsthaften Widerstand von den Geistlichen dieser Bewegung zu erfahren, so Kinzinger. „Innerhalb der Logik des christlichen Nationalismus ist das keine Blasphemie. Es ist Branding. Der Präsident ist das Gefäß. Die Nation ist der Bund. Jeder, der Einwände erhebt – ein katholischer Bischof, ein Pastor einer etablierten Kirche, ein Papst – ist kein Glaubensbruder, der Korrektur anbietet. Er ist ein Feind des Projekts.“ Adam Kinzinger war von 2011 bis 2023 republikanischer Abgeordneter im US-Repräsentantenhaus.
Es funktioniert, weil evangelikale Führer sich hinter Trump stellen
Für Adam Kinzinger sind die evangelikalen Verteidiger nicht nur ein „Nebenaspekt der Religionspolitik der Regierung“. Sie machen die christliche Täuschung erst möglich. Er bezeichnet sie als notwendigen „Mechanismus“: „Trump selbst ist bekanntermaßen ungeschickt, wenn es um die Heilige Schrift geht; er kann sie nicht überzeugend zitieren, seinen Lieblingsvers nicht ohne Stottern nennen und die grundlegenden Rituale des evangelikalen Lebens nicht vollziehen. Was er aber kann, ist auslagern. Graham und eine wechselnde Schar von Wohlstandspredigern und ‚spirituellen Beratern‘ übernehmen die theologische Beschönigung. Sie übersetzen sein Verhalten in die Sprache des Glaubens. Sie erzählen zig Millionen aufrichtigen Gläubigen, dass das, was sie sehen, nicht das ist, was sie sehen.“
Kinzinger lässt keinen Zweifel daran, dass er sich um den christlichen Glauben in seinem Land sorgt, einen Glauben, der auch für ihn wichtig ist: „Ich bin Christ. Ich war Christ, bevor ich Abgeordneter wurde, und ich werde es noch lange sein, wenn sich niemand mehr dafür interessiert, was ich über Politik denke. Ich sage das, weil meine Kritik hier nicht das Christentum an sich kritisiert. Sie kritisiert, was mit dem Christentum geschieht, wenn es in die Hände von Menschen gelangt, die nicht wirklich daran glauben und es einfach nur benutzen wollen.“
Ausgerechnet Christen haben diese Regierung ermöglicht
Es ist traurig, dass dieser Präsident ausgerechnet von christlichen Wählern ermöglicht wurde. Ein Präsident, der sein Amt für seine Interessen missbraucht, um seinem Ego zu frönen sowie seinen eigenen Reichtum und den seiner Familie zu mehren. Ein Präsident, der auf Umgangsformen und Respekt nichts gibt. Ein Präsident, das ist schon wieder vergessen, der die ärmsten Länder im Stich gelassen und fast die gesamte Entwicklungshilfe gestrichen hat, mit vielen, vielen Hungeropfern. Ein Präsident, der nichts zu kennen und zu schätzen weiß als sich selbst. Ein Präsident, der versucht, alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens unter seine Kontrolle zu bringen. Ein Präsident, der die Wissenschaft drangsaliert, die Justiz verachtet, sobald sie sich gegen seine Interessen richtet, und keinen Pfifferling auf die Gewaltenteilung gibt. Ein Präsident, der die Gewalt vom 6. Januar 2021 legitimiert hat und die Täter als Helden ehrt.
Es ist eine Sache, dass man die Politik Trumps für richtig hält: also gegen unkontrollierte Migration ist, eine – eigentlich – isolationistische Politik möchte (von der fast nichts mehr übriggeblieben ist) und anderes mehr. Doch es ist etwas ganz anderes, dass es kaum führende Stimmen im christlich-evangelikalen Lager und auch nicht unter den Republikanern gibt, die sich klar und eindeutig gegen den Charakter dieser Regierung wenden. Der ist bestimmt von Herabsetzung, Einschüchterung, Gewalt und Lüge. Es stände christlichen wie republikanischen Führungspersönlichkeiten gut an, Trump nicht zu entschuldigen, sondern ihm Grenzen aufzuzeigen und sich gegen ihn zu stellen. Die Abgeordneten des Kongresses, des Repräsentantenhauses wie des Senats, hätten dazu die Macht. Aber sie nutzen sie nicht.
Der Auftrag der Christen
Dass Christen sich derart eins machen mit einer Herrschaft, erinnert an Mittelalter und Nazi-Zeit. Eine Politik, die sich gegen die Armen richtet, den Krieg verherrlicht und das Hohelied auf die eigene Nation singt. Christen haben nicht die Berufung, Claqueure der Mächtigen zu sein, sondern kritische und prophetische Begleiter und Beter.