Der Krieg in der Ukraine und ein alter Kirchenkonflikt
Es gibt einige Gründe für Russlands nun schon vierjährigen Angriffskrieg gegen die Ukraine: einmal die Westorientierung des Bruderlandes, die man nicht hinnimmt. Zudem sieht sich Russland in einer natürlichen Vormachtstellung gegenüber den früheren sowjetischen Einzelstaaten. Und: Russlands Ziel, eine von sich abhängige Pufferzone zu den Nato-Staaten zu schaffen. Bei den Kriegsgründen ist zumeist kaum im Blick, dass es auch um einen alten kulturellen und kirchlichen Konflikt geht. Er liegt im sogenannten „Kiewer Erbe“ begründet.
Ausgangspunkt ist die Taufe des Kiewer Fürsten Vladimir im Jahr 988. Er hatte sich „nach reiflicher Überlegung für die Annahme des orthodoxen Glaubens“ entschieden – und nicht für den katholischen, islamischen oder jüdischen Glauben, so der emeritierte Professor Andreas Kappeler.
Fürst Vladimirs Taufe: Fundament der Christianisierung
Damals erhielt er die Schwester des byzantinischen Kaisers zur Frau. Damit wurde der Fürst der Rus‘ „zu einem gleichberechtigten Mitglied der europäischen ‚Familie der Könige‘ und sein Reich erlebte eine ökonomische und kulturelle Blütezeit“, so Kappeler, der seit 1996 Mitglied der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften ist. Die Kiewer Rus war ein mittelalterliches Großreich (9.-13. Jahrhundert) und der erste ostslawische Staat, der als gemeinsamer Vorläufer von Russland, der Ukraine und Belarus gilt. Es war ein Handels- und Machtverbund, der sich vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer erstreckte. Kiew war das Zentrum.
Dieses Großreich der Kiewer Rus war eng mit der „Erinnerung an die Christianisierung“ und dem orthodoxen Glauben verknüpft. „Die Zugehörigkeit zur Orthodoxie ist ein zentraler Bestandteil der individuellen und kollektiven ukrainischen Identifikation. Der orthodoxe Glaube ist das wichtigste Kontinuum der Geschichte der Ukraine von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Kiew als Sitz des Metropoliten und des Höhlenklosters behielt seinen Glanz als erster Hort der Orthodoxie in der Rus‘“, schrieb Kappeler (Blätter für deutsche und internationale Politik, 2014).
Russland: Es gibt nur ein russisches Volk
Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin gibt es, ganz im Sinne des früheren Zarenreichs und der Sowjetunion, nur ein einziges russisches Volk in den drei Ländern. Er und der russisch-orthodoxe Patriarch sehen sich als rechtmäßige Erben von Kiew. Die beiden verbindet aber noch etwas anderes: Putin war viele Jahre als Agent des KGB tätig. Auch Kirill I., mit bürgerlichem Namen Wladimir Gundjajew, war nach Angaben der Schweizer Bundespolizei für den KGB tätig. Als 24-jähriger Priester vertrat er die Russisch-orthodoxe Kirche im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK). In dieser Zeit soll er versucht haben „den Rat zu beeinflussen, die USA und ihre Verbündeten anzuprangern und ihre Kritik an der mangelnden Religionsfreiheit in der UdSSR zu mäßigen“, so ein Bericht des Spiegel. Erste Veröffentlichungen dazu gab es bereits 2022.
Es gehört zur Identität der meisten orthodoxen Kirchen, dass sie sich als Nationalkirchen verstehen und das heißt, dass sie eng mit staatlichen Interessen und Traditionen verknüpft sind. Und so verspricht Patriarch Kirill den im Krieg gegen die Ukraine getöteten russischen Soldaten sogar einen Platz im Himmel.
Kardinal Marx: „Was der Patriarch sagt, ist Häresie“
Der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx fand deutliche Worte zu Patriarch Kirill und seinem Wort vom „Heiligen Krieg“: „Was der Patriarch von Moskau sagt, ist Häresie.“ Und: „Wir sehen überall eine Instrumentalisierung von Religion, manche religiöse Führer lieben die Nähe zur Macht“, sagte Marx auf einer Podiumsdiskussion anlässlich der jüngsten Münchner Sicherheitskonferenz.
Aus der Sicht von Andriy Mykhaleyko hat das Moskauer Patriarchat im „Streit um das Kyjiver Erbe“ immer wieder versucht, Kontrolle über die Ukraine zu erlangen. Deshalb sei der Krieg Russlands gegen die Ukraine auch ein Krieg der russisch-orthodoxen Kirche, die die russischen Waffen nicht nur segnet, sondern den Krieg aktiv unterstützt. Mykhaleyko ist Priester der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche und unterrichtet als Privatdozent die Geschichte seiner Kirche an der Katholischen Universität Eichstätt. Für ihn zieht sich eine Linie vom Schisma zwischen Rom und Byzanz im Jahr 1054, der ersten großen Spaltung in der Christenheit, bis heute.
Über 60 Prozent der Ukrainer sind orthodox
2021 bezeichneten sich über 60 Prozent der befragten Gläubigen in der Ukraine als orthodox. Dennoch ist die Orthodoxie in dem Land kein „monolithisches Gebilde“. Anders als in Belarus und Russland ist die religiöse Landschaft in der Ukraine viel heterogener. Das liegt auch daran, dass die Ukraine erst 1991 ihre politische Unabhängigkeit erreichte. Die heutige Ukraine existierte in früheren Jahrhunderten in verschiedenen Herrschafts- und Kulturräumen. Und diese lange Zugehörigkeit zu anderen Staaten ist bis heute ein Grund für Spannungen zu benachbarten Staaten. Diese religiöse Vielfalt ist für das Land aber auch eine besondere „Chance“, denn sie verhinderte eine „Instrumentalisierung der Religion durch den Staat“, wie Nadezhda Beljakova und Regina Elsner in einem gemeinsamen Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung feststellen.
2018 entstand die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) aus einer Fusion von zwei Kirchen: der ukrainisch-orthodoxen Kirche Kiewer Patriarchats (über 45% der Bevölkerung) und der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche (1,4% der Bevölkerung). Zunächst unterstand sie dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel. Am 6. Januar 2019 erklärte der ökumenische Patriarch die Kirche für eigenständig.
Daneben existiert die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats (UOK), die sich 2022 von Moskau lossagte. Zudem gibt es die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche, sie gehört zur römisch-katholischen Kirche, folgt aber dem byzantinischen (orthodoxen) Ritus. Sechs Prozent der Ukrainer gehören ihr an, in der Westukraine ist der Anteil deutlich höher, in der Region Galizien ist sie sogar die größte Religionsgemeinschaft. In den anderen Regionen der Ukraine gehören ihr nur etwa ein Prozent der Bevölkerung an.
Jenseits der Orthodoxie
Protestantische Gemeinden in der Ukraine bilden mit geschätzten 600.000 bis 700.000 Mitgliedern eine lebendige Minderheit, angeführt von Baptisten und Pfingstlern. In vielen großen Städten gibt es zudem jüdische Gemeinden. Krimtataren sind überwiegend Muslime.
„In den von Russland besetzten Gebieten bekommen Menschen, die nicht der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) angehören, das Misstrauen der neuen Machthaber deutlich zu spüren“, wie Katja Dorothea Buck in einem Beitrag für das ökumenische Magazin „Welt-Sichten“ erläutert. Evangelikale Gemeinschaften und Freikirchen sowie muslimische Gemeinden seien aufgelöst worden, die Zeugen Jehovas ganz verboten. Auch die katholische Kirche in Luhansk sei vorübergehend geschlossen gewesen. Russland untermauert seine territorialen Ansprüche mit religiösen Argumenten und weiß dabei das Moskauer Patriarchat fest an seiner Seite. Nach der Erzählung von einer gemeinsamen, unauflösbaren russischen Identität könne ein guter orthodoxer Christ in einem Gebiet, das Russland als das eigene beansprucht, nur Mitglied in der ROK sein.
Moskauer Patriarchat sieht sich als Schutzmacht der Christen
Russland begründet seinen Krieg auch damit, dass orthodoxe Christen in der Ukraine unterdrückt würden. Dies thematisiert Dr. Richard Ottinger von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. „Der Eindruck einer staatlich unterdrückten Kirche bleibt als Mythos im öffentlichen Raum und das Moskauer Patriarchat versteht sich weit über die geografischen Grenzen des russischen Kulturkreises hinaus als Schutzmacht der Christen.“ Denn die russische orthodoxe Kirche betrachte die Ukraine und Belarus als ihr kirchliches Territorium. Der russische Staatschef Wladimir Putin und die russisch-orthodoxe Kirche behaupten, dass mit dem Krieg Gläubige der orthodoxen Kirche geschützt werden sollten. Zudem soll damit auch die westliche Säkularisation und der damit verbundene Werteverfall aufgehalten werden.
Priester, die vom Frieden sprechen, werden bestraft oder sogar exkommuniziert
Wie unerbittlich die Unterstützung der russisch-orthodoxen Kirche für den Krieg gegen die Ukraine ist, zeigte der Fall des Priesters Ioann Burdin, der sich wenige Wochen nach Kriegsbeginn in einem Gottesdienst für Frieden aussprach. Er wurde daraufhin zu einer Geldstrafe verurteilt. Später verbot ein Kirchengericht, dass Burdin weiter als Priester arbeiten durfte. In der Anklageschrift wird die pazifistische Haltung des Priesters als „Häresie“ eingestuft. Denn es habe schon immer „gesegnete Krieger zur Verteidigung des Vaterlandes“ gegeben. Dabei ist Burdin bei weitem nicht der einzige russisch-orthodoxe Priester, der sich unerwünscht äußerte und bestraft oder sogar aus der Kirche ausgeschlossen wurde.
Dazu stellt die Theologin Regina Elsner fest: In der Causa Burdin bezeuge die Anklageschrift „einen blinden Patriotismus der Russischen Orthodoxen Kirche, der wie selbstverständlich davon ausgeht, dass ein orthodoxes Land gegen ,das Böse’ militärisch und mordend“ vorgehen müsse. Elsner ist Professorin für Ostkirchenkunde und Ökumenik am Ökumenischen Institut der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Nach Meinung der Theologin ist die Anklageschrift nichts weniger als eine theologische „Bankrotterklärung“. Für die westlichen Kirchenleitungen wie den Papst sollte das „ein weiterer Weckruf“ sein: Mit dieser Kirchenleitung könne man „keinerlei verlässlichen Dialog zu diesem Krieg, seinen Gründen und seiner Überwindung finden“.