Europa und die Christen
Kommentierender Bericht Die Europäische Union (EU) – das sind 450 Millionen Menschen in 27 Ländern. Doch der Wirtschaftsriese erinnert an einen Betagten, der alt und kraftlos geworden ist. In Zeiten, in denen Fragen der Sicherheit und der Verteidigung von überragender Bedeutung sind, erscheint er besonders schwach. Denn seine Sicherheit kann er nicht selbst gewährleisten und ist auf die USA angewiesen. Dieses Arrangement war lange zum Vorteil beider Seiten, bis es US-Präsident Donald Trump aufgekündigt hat.
Und spätestens seit der Aufnahme von zehn neuen Staaten im Jahr 2004 (Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn, Zypern) ist die EU noch unbeweglicher geworden. Der Zwang zur Einstimmigkeit in wichtigen Fragen führt zu unbefriedigenden Minimalkompromissen und nicht selten zur Handlungsunfähigkeit. Dann müssen andere Formen der Kooperation gefunden werden, die formal nicht Teil der EU sind. So wie die „Koalition der Willigen“, ein informeller Zusammenschluss europäischer Länder, die Sicherheitsgarantien für die Ukraine leisten wollen, um so auch einen Fortschritt in den Friedensverhandlungen zu erreichen. Anders ist dies nicht möglich, weil es dafür keinen tragfähigen Konsens unter allen EU-Staaten gibt.
Die Sorgen junger Menschen in der EU
Fragt man junge Menschen in der EU, welche Sorgen sie besonders beschäftigen, dann nennen sie vor allem diese drei: Migration und Asyl (37 Prozent), Wirtschafts- und Finanzpolitik (33 Prozent) sowie Umwelt- und Klimaschutz (28 Prozent). In Deutschland liegt der Fokus besonders stark auf Migration (45 Prozent), Klima und Wirtschaft folgen (39 Prozent). Doch die Stimmungsbilder sind in den Ländern recht verschieden. Deshalb zeigen Durchschnittswerte nicht das ganze Bild der Sorgen junger Menschen in den Ländern der EU.
Kräfte, die Europa bedrohen
Unbeweglichkeit und Sorgen sind das eine. Doch es wirken auch verschiedenste Kräfte gegen die EU, die sie zusätzlich schwächen oder gar zerstören könnten: Rechtspopulistische und rechtsextreme Kräfte und Parteien, die sich als Gegner der EU positionieren, aber zugleich deren Gelder für ihre Länder und ihre politische Arbeit gern annehmen. Und diese Parteien werden auch von etlichen Christen gewählt. Die größte Bedrohung von außen ist Russland unter Präsident Vladimir Putin. Er bekämpft Europa mit Drohnen, Sabotagen, Öl und Gas und politischen Mitteln. Und das nicht erst seit dem Zerstörungskrieg gegen die Ukraine. Zu den Gefahren von außen gehört heute sogar die amerikanische Regierung unter Präsident Donald Trump, die mit Hochmut und Verachtung auf die EU schaut und sie als schwaches und unzeitgemäßes Gebilde ansieht sowie als Gegner der Meinungsfreiheit, wie sie sie versteht. Dazu gesellen sich wachsende Egoismen, die die EU nicht nur von außen, sondern auch von innen bedrohen. Und in den Ländern des früheren Ostblocks, die heute zur EU gehören, wünschen sich viele der älteren Generation die frühere Stabilität, Sicherheit und Ruhe zurück, die sie mit der Zeit unter der Führung der Sowjetunion verbinden.
Es stellt sich die Frage, wie die EU angesichts der Krisen und inneren Erosion neue Kraft gewinnen kann. Historische Vergleiche sind zwar wenig überzeugend, denn Entwicklungen aus verschiedenen Zeiten lassen sich nur schwer wirklich vergleichen. Doch wissen gerade die Deutschen aus ihrer Geschichte, dass ein Gemeinwesen aktive und überzeugte Unterstützer braucht, sonst kann sie ihren Gegnern nichts entgegensetzen. So war es mit der damals ungeliebten Weimarer Republik, die zu wenige Freunde und Unterstützer hatte (freilich ist diese Tatsache nur eine von sehr vielen Gründen für ihren Untergang 1933).
Die Wurzeln der EU – Robert Schuman
Hilft ein Blick auf die Anfänge der EU, um zu sehen, wie es mit der EU weitergehen kann? Die Wurzeln der EU liegen in der Gründung der Montanunion, der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Zu ihren Gründungsmitgliedern gehörten Frankreich, Deutschland, Italien, Belgien, Niederlande und Luxemburg. Geistiger Vater war der französische Außenminister Robert Schuman. Seine Vorstellungen erläuterte er in einer kurzen Rede am 9. Mai 1950 vor Pressevertretern im französischen Außenministerium am linken Seine-Ufer. Er schlug eine Verflechtung in den Bereichen Stahl und Kohle auf europäischer Ebene vor, um künftig Kriege in Europa unmöglich zu machen.
Der Glaube des Katholiken Robert Schuman, der ursprünglich Priester werden wollte, war die entscheidende Triebkraft für sein Bemühen um Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland und sein Eintreten für Frieden, Solidarität und Nächstenliebe in Europa. Tatsächlich verstand er Jesus Christus als die „Seele“ Europas.
Im Juni 1990 begann der offizielle Seligsprechungsprozess, bei dem 200 Zeugen, die Schuman persönlich kannten, angehört wurden. Zudem wurden öffentliche und private Unterlagen ausgewertet. Das Verfahren auf der Ebene der Diözese wurde 2004 beendet. Seitdem wird es im Vatikan weitergeführt. Das erste Europäische Parlament verlieh Robert Schuman den Titel „Vater Europas“ und machte den Tag der Rede Schumans, den 9. Mai, zum Europatag.
Nach einer langen Phase des Fremdelns bekommt das geeinte Europa nun seit einiger Zeit wieder stärkere Unterstützung von Kirchen und Christen. Heute gehören die kirchlichen Repräsentanten in Deutschland, aber auch der anderen Länder, zu den Freunden Europas.
Miteinander für Europa – Christliche Seele Europas stärken
Ein Beispiel für diese christliche Unterstützung ist das Netzwerk Miteinander für Europa (MfE), das von der Basis kommt und ökumenisch ausgerichtet ist. Das Miteinander von Christen aus verschiedenen Kirchen wirkt hier als Kraft für die Stärkung des politischen Miteinanders in Europa. Das Bündnis, das sich 2001 gründete und etwa 300 christliche Bewegungen und Gemeinschaften vereint, war sich darin einig, „die ,christliche Seele Europas‘ zu stärken und sichtbar werden zu lassen“, wie Gerhard Proß betont. Er ist einer der Initiatoren des Netzwerkes auf deutscher Seite. Seit 2014 ist der evangelische Christ Moderator des Netzwerkes. Der langjährige Leiter des CVJM Esslingen und Kopf verschiedener christlicher Netzwerke sucht hier mit anderen das christliche Fundament in Europa zu stärken.
„Einheit in Vielfalt“
Proß formuliert es so: „Wir sprechen ein entschiedenes Ja zu einem Europa der Einheit und der Vielfalt der Kulturen und Nationen …Wir setzen uns ein für eine Kultur des Miteinanders, die auf der Grundlage des christlichen Glaubens entsteht.“ Dieses Ja zu Europa beinhalte Versöhnung, Einheit in Vielfalt, Begegnung, Frieden, Barmherzigkeit und Menschlichkeit und Weltgestaltung vor allem im Blick auf Afrika und den Nahen Osten, so Proß.
Die Schritte des christlichen Netzwerkes wurden so zu einem Weg der Unterstützung Europas. Gemeinsam mit Lothar Penners (Schönstatt-Bewegung) beschreibt er das in dem Buch „Sternstunden der Einheit. Erfahrungen aus 25 Jahren Miteinander für Europa“ (erschienen im Selbstverlag). Auf 400 Seiten schildern die Autoren die Entwicklung der Bewegung „Miteinander für Europa“ samt 25 persönlichen Berichten christlicher Vertreter sowie Schlüsselreferaten, Reflexionen und Perspektiven.
Im Mai 2025 erinnerte „Miteinander für Europa“ (MfE) anlässlich des 75. Jahrestages an die Schuman-Erklärung, den Grundstein der europäischen Einigung. Zu der Veranstaltung im Brüsseler Parlamentsgebäude waren Abgeordnete des Europaparlamentes eingeladen. Danach traf man sich zu einer Stunde des Gebets für die Europäische Union in der Europa-Kapelle in Brüssel im europäischen Viertel.
Spannungsverhältnis zwischen Christen und EU
Trotz wachsender Unterstützung kirchlicher und christlicher Gruppen und Institutionen für Europa, sorgen Beschlüsse des EU-Parlamentes und die Politik der EU-Kommission auch für Ablehnung vieler Christen, vor allem jener, die eher konservativ orientiert sind. Da geht es um das Lebensrecht für Ungeborene, um Vorstellungen zur Familie und vieles mehr.
Die innere Distanz zwischen Christen und der Mehrheit der EU zeigte sich in der Diskussion um die geplante EU-Verfassung und die Frage, ob diese einen Bezug auf Gott und einen auf die christlichen Werte Europas enthalten sollte. Die Befürworter eines Gottesbezugs konnten sich nicht durchsetzen. Stattdessen hieß es im Text der geplanten EU-Verfassung: „Schöpfend aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas, aus dem sich die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als universelle Werte entwickelt haben …“. Von einigen Ländern beschlossen, scheiterte die EU-Verfassung 2005 aber am Nein der Franzosen (54,7 Prozent) und der Niederländer (61 Prozent) in Referenden der beiden Länder.
Danach wurden wesentliche Inhalte der EU-Verfassung in den Vertrag von Lissabon übernommen, der 2009 in Kraft trat. Teil des Vertrags ist die EU-Grundrechtecharta. Darin heißt es: „Die Völker Europas sind entschlossen, auf der Grundlage gemeinsamer Werte eine friedliche Zukunft zu teilen, indem sie sich zu einer immer engeren Union verbinden. In dem Bewusstsein ihres geistig-religiösen und sittlichen Erbes gründet sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität.“