Iran: Ein Regime taumelt

Iran: Ein Regime taumelt
Arabisches Graffiti in Khorramabad: "Tod dem Diktator" während der Proteste 2025/2026. Foto: Bruisefarshid. https://commons.wikimedia.org

Rasht, iranische Handelsstadt am kaspischen Meer: Sicherheitskräfte haben die Protestierenden im Basar umzingelt. Sie drohen alles in Brand zu setzen, wenn sich die Aufständischen nicht ergeben. Sie machen ihre Drohung wahr und zünden die Geschäfte und Läden an. Regimegegner ergeben sich, doch anstatt sie zu verhaften, schießen die Sicherheitskräfte sie nieder. Der Brand wütet drei Stunden und vernichtet den gesamten Basar. Die regimetreuen Kräfte lassen die angerückten Feuerwehrleute nicht löschen, mit Waffengewalt hindern sie die Feuerwehrleute daran. Unter den vielen Opfern sind Jugendliche, sogar Kinder und Schwangere. Das grausame Drama ereignete sich am 8. Januar, wie Augenzeugen berichten.

Rasht steht für viele Orte im Iran, in denen Proteste mit härtester Gewalt niedergeschlagen wurden. Unerbittlich und brutal reagierte das iranische Regime auf die Demonstrationen im ganzen Land, die am 8. und 9. Januar ihren Höhepunkt hatten. Immer wieder wurde der Name des Schah-Sohnes Reza Pahlevi gerufen. In den Städten, in denen demonstriert wurde, beherrschten Blut und Leichen das Bild, wie berichtet wird, so auch in Shiraz im Süden des Landes.

Leichenberge – Großteil des Volkes sind Feinde, die den Tod verdienen

Eine Augenzeugin berichtet aus dem Teheraner Stadtteil Pounak: „Sie brachten Leichen mit Lastwagen und luden sie ab wie eine Ware. Als ich mit einer Freundin nach ihrem 16-jährigen Sohn suchte, der erschossen wurde, mussten wir uns durch einen Berg von Leichen kämpfen, über die Toten steigen und sie zur Seite schieben. Die Toten lagen übereinander wie geschlachtete Schafe. Manche von ihnen waren noch am Leben. Eine Person berührte mein Bein mit der Hand und flehte um Hilfe. Wir konnten aber nichts tun, absolut nichts. Denn wenn bemerkt worden wäre, dass noch jemand lebt, wäre er sofort erschossen worden. Wir hatten keine Wahl als gleichgültig daran vorbeizugehen.“ Diese Augenzeugin ist seit Kurzem wieder in Deutschland und kämpft mit der Belastung, dass sie den Überlebenden, an denen sie vorbeikam, nicht geholfen hat. Die Kämpfer trugen alle Masken. Einen Mann beobachtete sie, als er die Maske abnahm, und sie konnte sehen, dass es kein Iraner war. Bestätigt ist auch der Bericht von einem jungen Demonstranten, der drei Tage unter den Leichen lag und sich nicht traute ein Lebenszeichen zu geben. Dann schaffte er es dem Grauen zu entfliehen.

„Überraschend ist im Vergleich zu früheren Aufständen, wie schnell, innerhalb von zwei Wochen, die Massenproteste niedergeschlagen wurden“, sagt Meir Litvak, Professor für Geschichte des Nahen Ostens an der Universität Tel Aviv, gegenüber der „Zeit“. „Das Regime hat eine weitere moralische Grenze überschritten in seiner Bereitschaft zu morden. Es lässt keinen Zweifel mehr daran, dass es einen Großteil der eigenen Bevölkerung als Feinde ansieht, die kein Recht haben zu leben.“

Viele Moscheen brannten

Die Städte sehen aus wie im Krieg, berichtet jemand. Zerstörungen und verbrannte Gebäude, die Krankenhäuser sind überfüllt, in Kühlhäusern stapeln sich die Leichen. Mindestens 100 Moscheen wurden landesweit in Brand gesetzt. Bisher ist nicht geklärt, ob die Brände Ausdruck des Volkszorns gegen den Islam sind oder ob die Moscheen von regierungstreuen Kräften angezündet wurden, wofür einiges spricht, um die Demonstrierenden als Terroristen zu brandmarken.

Proteste gegen das islamische Regime gab es schon oft im Iran. Der jüngste begann Ende Dezember 2025, es ist der siebte und der schwerste. Vorher gab es Kurdenaufstände in den Jahren 1979 bis 1983, die „Grüne Bewegung“ 2009, Proteste während des „Arabischen Frühlings“ 2011, die Wirtschaftsproteste von 2017 und 2018, die November-Unruhen von 2019, die sich an den Benzinkosten entzündet hatten, sowie die Initiative „Frau Leben Freiheit“ 2022.

Aus der Mitte der Gesellschaft

Neu ist, dass die Proteste dieses Mal aus der gesamten Gesellschaft kamen. Es waren die Basarhändler, wirtschaftliches Rückgrat des Landes, die ihre Geschäfte schlossen, weil die Inflation rasant steigt, so dass sich viele Menschen im Land nur noch das Nötigste kaufen können. Allein in den letzten Tagen verteuerten sich wichtige Lebensmittel, wie Eier und Öl, um das Dreifache. Waren und Lebensmittel sind da, aber nur noch Privilegierte können sich die leisten. Ihren Anfang nahmen die jüngsten Proteste im Großen Basar in Teheran, nachdem die Landeswährung Rial auf ein neues Rekordtief gefallen war. Zu den Privilegierten im Land gehören die Geistlichen und die Staatsbediensteten, vor allem die Armee und die Revolutionsgarden; letztere kontrollieren etwa 40 Prozent der Wirtschaft, wie das auch in anderen Staaten im Nahen Osten der Fall ist.

Noch gibt es keine verlässlichen Zahlen

Harte Fakten über die Zahl der jüngsten Demonstranten und der Opfer der brutalen staatlichen Gewalt gibt es nicht. Denn das Internet wurde gesperrt, das Telefonfestnetz und einige Handynetze abgeschaltet. Es gilt aber als gesichert, dass es Unruhen im ganzen Land gab, zu denen der Sohn des Schahs, Reza Pahlevi, aus den USA aufgerufen hatte. 

Die höchsten Opferzahlen publizierte die britische Sunday Times: Sie schrieb von 18.000 getöteten Demonstranten, 8000 Erblindeten und über 300.000 Inhaftierten. Das geistliche Oberhaupt Ajatollah Chamenei sprach selbst von tausenden Toten, ein iranischer Regierungsvertreter sprach zunächst von 5000 Getöteten, darunter 500 Sicherheitskräfte.

Die Organisation Human Rights Activists News Agency (HRANA, USA) hat bislang (Stand 24. Januar) 5.137 Todesfälle bestätigt, 12.904 weitere Todesfälle würden noch geprüft. HRANA dokumentiert neben den Opferzahlen auch die Zahl der Schwerverletzten (7.402). Kurz zuvor wurde die Zahl der Festnahmen mit 26.015 angegeben. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen, aber bei früheren Protesten hatte die Organisation, die sich auf ein Netzwerk von Aktivisten im Iran stützt, zutreffende Zahlen geliefert.

Arabische Kämpfer für ein gnadenloses Vorgehen

Die Regierung rief Hizbollah-Soldaten aus dem Libanon sowie Kämpfer aus Afghanistan und aus dem Irak zu Hilfe, die möglichst unerbittlich und grausam vorgehen sollten. Sie schießen, teils mit Maschinenpistolen, nicht nur auf jeden, sie zielen auf Kopf und Augen, um die Menschen zu blenden und zu markieren. Manche sehen in dem Ruf nach ausländischen Kräften ein Zeichen, dass sich die Regierung nicht mehr hundertprozentig auf ihre Sicherheitskräfte verlassen kann, andere gehen davon aus, dass Araber gegen Iraner, die keine Araber sind, keine Skrupel haben brutal vorzugehen.

Im Iran herrscht nun die bedrückende Ruhe eines Friedhofs. Die brutale Gewalt des Islam-Staates hat den offenen Widerstand erstickt. Wenn zwei Menschen auf der Straße zusammenstehen, wird auf sie geschossen. Nach sechs Uhr am Abend darf niemand mehr auf die Straße. Nach der hemmungslosen Gewalt der Sicherheitskräfte haben die Leute Angst und bleiben zuhause.

Im nächsten Text geht es um die Frage, wie es im Iran weitergeht …