Kommt unter Al-Scharaa tatsächlich das „Syrien für alle“?

Kommt unter Al-Scharaa tatsächlich das „Syrien für alle“?
Die Marienkirche in Damaskus ist die Kirche des Griech.-Orthodoxen Patriarchen Johannes X. Sie gilt als eines der ältesten christlichen Gotteshäuser der Stadt. Foto: Foto: Lin Gaozhi, CC BY-SA 4.0, www.creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Erstmals war der syrische Übergangspräsident Ahmed Al-Scharaa Gast von Bundespräsident Steinmeier und Bundeskanzler Merz. Über den Politiker und früheren Milizenkämpfer und Terroristen sind die Meinungen geteilt. Sein Staatsbesuch in Deutschland vor wenigen Tagen stieß auf Kritik, beispielsweise der kurdischen Gemeinde in Deutschland. Sie machen den Politiker für Kriegsverbrechen verantwortlich; er gehöre deshalb vor ein Gericht „und nicht ins Kanzleramt“.

Christen, aber auch andere Minderheiten in Syrien, fühlten sich nicht mehr sicher, so Markus Rode, Leiter des christlichen Hilfswerks Open Doors. „Durch islamistische Gewalt sind in 12 Monaten 27 Christen getötet worden. Immer neue Übergriffe, regelmäßige Drohungen und der wachsende Druck, zum Islam zu konvertieren, erzeugen ein Klima der Angst.“

Osterprozessionen abgesagt
Aus Angst vor Gewalt durch extreme Muslime entschieden viele christliche Kirchen, das Osterfest in diesem Jahr nur in Kirchen und Gebäuden zu feiern. Üblich sind an dem Festtag Prozessionen, öffentliche Kundgebungen und Pfadfinderumzüge. In Syrien ist Ostern kein Feiertag. 2011, vor dem Beginn des Bürgerkrieges, waren nach Angaben der Linzer „Initiative Christlicher Orient“ etwa 7 Prozent der damals 21 Millionen Syrer christlich. Heute wird die Zahl der Christen im Land auf 500.000 geschätzt.

Nur zwei Tage vor Al-Scharaas Staatsbesuch in Deutschland forderte der Orthodoxe Patriarch mit Sitz in Damaskus, dass der Staat Angriffe auf Christen im Land nicht länger verharmlosen dürfe und sich mehr für das Miteinander der religiösen Gruppen einsetzen solle. Der Griechisch-Orthodoxe Patriarch von Antiochia, Johannes X., ist Oberhaupt von Gläubigen in Syrien und dem gesamten Orient.

Patriarch Johannes X.: Das ist ein systematisches Vorgehen
Grund für die Verlautbarung des Patriarchen waren Geschehnisse am vergangenen Freitag (27. März), die die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte so beschreibt: Häuser, Geschäfte, Autos und Besitztümer der christlichen Bewohner seien von einem „islamistischen Mob“ verwüstet oder in Brand gesetzt worden. Die Regierung in Damaskus spreche von Einzelfällen, doch „die Angriffe zeigen ein systematisches Vorgehen“.

Das Patriarchat schrieb: „Es kam zu Gewalttaten und Vandalismus gegen Eigentum, und auf den Altar der Jungfrau Maria wurde geschossen.“ Es spricht von „Angriffen“ der Muslime aus den umgebenden Städten. Offizielle Stellen aber würden die Konflikte verharmlosen und nur von einem Streit zwischen zwei Männern sprechen. Die Gewalt habe „eine Welle der Empörung in der Bevölkerung“ ausgelöst, auch unter Nichtchristen. Johannes X. forderte den syrischen Staat dazu auf, „entschieden gegen jeden vorzugehen, der den inneren Frieden untergräbt“: „Das Patriarchat fordert die Einleitung einer offiziellen Untersuchung, die zur Verhaftung und Strafverfolgung der Beteiligten führt.“

Syrien: Viele ethnische und religiöse Gruppen
Syrien beheimatet neben den sunnitischen Arabern, der Bevölkerungsmehrheit, weitere Volksgruppen (Kurden – sie sind die zweitgrößte Volksgruppe – sowie sehr kleine Minderheiten der Turkmenen, Tscherkessen und Armenier). Entsprechend vielfältig sind auch die religiösen Minderheiten: Schiiten, Kurden, Alawiten, Drusen, Jesiden, Juden und Christen. 

Minderheiten dürfen nicht zu Bürgern zweiter Klasse werden
Vor dem Besuch Al-Scharaas wandte sich der Vorsitzende der christlichen Hilfsorganisation „Christian Solidarity International“ (CSI), Pfarrer Peter Fuchs, in einem öffentlichen Brief an den deutschen Bundeskanzler: „Ich fordere Sie daher auf, Ahmed Al-Scharaa deutlich zu machen, dass die Bundesrepublik Deutschland ihn persönlich verantwortlich macht für die aktuellen Menschenrechtsverletzungen gegen Minderheiten in den von ihm kontrollierten Gebieten Syriens. Zugleich bitte ich Sie, jede finanzielle Unterstützung Syriens seitens der Bundesrepublik von der Beachtung der Menschenrechte, insbesondere der Religionsfreiheit, abhängig zu machen. Christen, Kurden, Drusen, Alawiten und andere Minderheiten dürfen in Syrien unter Ahmed Al-Scharaa nicht zu Bürgern zweiter Klasse reduziert werden!“

Der Politikwissenschaftler Christian-Peter Hanelt erinnerte Al-Scharaa an dessen Zusage zu seinem Amtsbeginn, in dem er ein „Syrien für alle, auch für Minderheiten“ versprach. Hanelt äußerte sich in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Menschenrechte und Pluralität würden im Syrien „zu wenig angegangen und hintenangestellt“. Hanelt ist Referent der Bertelsmann-Stiftung.

Al-Scharaa: In Saudi-Arabien geboren – Studium in Bagdad
Al-Scharaa wurde Anfang der 1980er-Jahre in Saudi-Arabien geboren, sein Vater stammte von den Golanhöhen. Als junger Mann ging Al-Scharaa nach Bagdad zum Studium, er radikalisierte sich und saß jahrelang in irakischen US-Militärgefängnissen. Hinter Gittern lernte er Abu Bakr Al-Bagdadi kennen, den Gründer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Al-Scharaa zog nach Syrien und baute dort eine eigene Miliz auf – die Al-Nusra-Front.

Al-Scharaa schloss sich mit seiner Al-Nusra-Front nicht dem IS an, sondern der Terrororganisation Al-Kaida; sie galt als syrischer Arm des dschihadistischen Terrornetzwerks. Erklärtes Ziel von Al-Scharaa schon damals: das Assad Regime in Syrien zu stürzen. 2017 trennte er sich von Al-Kaida; er änderte den Namen seiner Miliz in HTS (Hayat Tahrir Al-Scham, „Komitee für die Befreiung Syriens“) und übernahm die Kontrolle über die syrische Provinz Idlib. Dort baute er in der Region Verwaltungsstrukturen und Behörden auf. 

Vor seiner Zeit als Präsident war Al-Scharaa ein gesuchter Terrorist. Die USA hatten auf ihn ein Kopfgeld von 10 Millionen Dollar ausgesetzt. Seine Vergangenheit bereut er nicht. „Ich habe keinerlei Zivilisten verletzt“, so Al-Scharaa kürzlich in Doha. „Er behauptet, dass er seine Vergangenheit nicht bereut – und das sagt einiges“, so die Menschenrechtsaktivisten Farah Youssef im französischen Nachrichtensender France 24. Wenn man nicht in der Lage sei, sich bei den Opfern zu entschuldigen, bleibe die Frage: „Wie will man dann ein ziviles Staatsoberhaupt sein?“

Assad-Diktatur in Syrien
Seit 1970 herrschte die Familie Assad in Syrien, die zur Minderheit der Alawiten gehört (zu denen im Land etwa 12 Prozent der Bevölkerung gehören). Hafis Al-Assad regierte das Land bis 2000, sein Sohn Baschar bis Dezember 2024, bis zu seiner Flucht nach Moskau, wo er heute lebt. 2011 wurden friedliche Proteste von Sicherheitskräften mit brutaler Gewalt beantwortet und so kam es in der Folge zu Aufständen und zu einem Krieg der Opposition gegen das Regime.

Der Zusammenbruch des Assad-Regimes
Ende November 2024 begann eine militärische Koalition verschiedener Oppositionsgruppen, die Regierungstruppen von Präsident Assad zurückzudrängen und nach und nach Syrien zu erobern, abgesehen vom kurdisch besetzten Norden. Der Kriegszug wurde von der islamistischen HTS angeführt. In kürzester Zeit fiel so das Regime und Assad ging ins Exil nach Moskau.

Zwei Besuche in Moskau
Bereits am 15. Oktober letzten Jahres und am 28. Januar dieses Jahres traf Al-Scharaa in Moskau mit Staatspräsident Putin zusammen. Russland war lange ein enger Verbündeter Syriens unter dem Assad-Regime. Als sich das Volk gegen das Assad-Regime erhob, unterstützte Russland Assad militärisch mit flächendeckenden Bombardements, die viele Opfer forderten. Russland unterhält wichtige Militärstützpunkte in Syrien.

Die meisten Auslandsreisen führten Al-Scharaa und dessen Außenminister in arabische Länder und in die Türkei. Im September 2025 war er zu einem fünftägigen Besuch in New York anlässlich der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Hier traf er mit vielen westlichen Regierungschefs zusammen. Vom 8.-10. November besuchte er Washington, vom 6. bis 7. September war er in Brasilien, am 7. Mai in Paris, und am 31. März dieses Jahres, direkt im Anschluss an Berlin (29.-30. März), in London.

Im Verlauf des Krieges in Syrien flüchteten mehr als 12 Millionen Menschen, das ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Etwas mehr als die Hälfte der Flüchtlinge flüchteten innerhalb Syriens. Laut Ausländerzentralregister halten sich 948.000 syrische Staatsangehörige in Deutschland auf (Stand: Ende September 2025). Bei der gemeinsamen Pressekonferenz von Präsident Al-Scharaa mit dem Bundeskanzler in Berlin erklärte Friedrich Merz, dass in den nächsten drei Jahren 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrerinnen und Syrer „in ihr Heimatland zurückkehren“ sollen.