Franziska Hoppermann: katholisch, sozial, bodenständig
Im Kampf um zwei ostdeutsche Landtage gehen CDU-Landesverbände auf Kriegspfad mit ihrer Bundespartei. Deren neue Generalsekretärin Franziska Hoppermann zieht dabei wieder und wieder die roten Linien: kein Regieren mit der Linkspartei (oder der AfD), Nein zur Rente mit 63. Ein Porträt einer entschlossenen Kommunikationschefin, die tief in der katholischen Kirche verwurzelt ist.
Mit der Ernennung von Franziska Hoppermann zur neuen CDU-Generalsekretärin dürfte Friedrich Merz in den Augen vieler vieles richtig gemacht haben. Sie ist weiblich, kompetent und zählt mit 44 Jahren nicht zur alten Garde. Wie Verkehrsminister Steffen Bilger ist sie Ende Juli aus einem einflussreichen, aber für die Öffentlichkeit eher unsichtbaren Parteiamt in die vordere Reihe geholt worden. Beide haben eine weitere Gemeinsamkeit: Sie sind mit Überzeugung Christen – Bilger in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Hoppermann in der römisch-katholischen Kirche.
Franziska Hoppermann hat in der CDU einen schnellen Aufstieg hingelegt: In der Bundespolitik ist sie 2021 in Erscheinung getreten, nachdem sie über die Landesliste in den Bundestag eingezogen war (im Wahlkreis Hamburg-Wandsbek dominiert die SPD). Seit 2022 im CDU-Bundesvorstand, machte Friedrich Merz die Diplom-Kauffrau im März 2025 zur Bundesschatzmeisterin der CDU. Noch schneller wäre sie allerdings aufgestiegen, wenn Norbert Röttgen 2021 CDU-Vorsitzender geworden wäre (und nicht Friedrich Merz): Denn der hätte sie direkt zur Chefin der Parteizentrale gemacht.
Offenbar hat Merz es verwunden, dass Franziska Hoppermann damals im Team Röttgen spielte – und hat jetzt großes Vertrauen zu ihr: Als Generalsekretärin und rechte Hand des Bundeskanzlers dürfte sie auf dem Sprung nach noch weiter oben sein. Und sicher hoffen einige in der CDU, dass sie Friedrich Merz bei weiblichen Wählern vielleicht doch noch ein paar Sympathiepunkte einbringt. Ihren neuen Job erfüllt sie diese Tage wie erwartet, wenn sie CDU-Positionen ohne Zwischentöne nach außen vertritt: „Es gibt keinen Völkermord in Gaza, wir stehen an der Seite Israels und der Ukraine im Kampf gegen den Terror und Aggression“ (am 1. August auf X). Oder in den Wahlkämpfen um die Landtage in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wie um das Berliner Abgeordnetenhaus im September: „Wir haben in der CDU eine klare Beschlusslage: keine Zusammenarbeit mit AfD oder Linken“ und „Ich sehe nicht, dass wir das neu diskutieren“ (gegenüber der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft).
Aber wer ist diese Frau, die da auf einmal ins Rampenlicht getreten ist? Kirchlich tief verwurzelt, gläubig, ehrgeizig und engagiert, klug, sozial und gut vernetzt: All das trifft auf sie zu.
Sie kann Zahlen, sie kann Soziales
Als ältestes von fünf Geschwistern katholisch aufgewachsen, hat sie Kindheit, Schulzeit (Abinote 1,0) und Studium in Hamburg verbracht. Zwölf Jahre lang war sie dort städtische Beamtin, zuletzt Senatsdirektorin für Justiz und Verbraucherschutz, bevor sie 2021 in den Bundestag wechselte. Mit Beginn ihres Bundestagsmandats arbeitete sie in den Ausschüssen für Haushalt und für Digitales und Staatsmodernisierung – für die studierte BWLerin und höhere Verwaltungsbeamtin bekannte Baustellen. Und sie leitet die Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie, während der sich, das stellte Hoppermann unmissverständlich klar, auch die Kirche nicht mit Ruhm bekleckerte, weil sie kein echter Kitt in den Rissen der Gesellschaft war.
Man könnte ihre Kompetenzen sehr knapp so zusammenfassen: Sie kann Zahlen und sie kann Soziales. Sie will „Freiheit und Wohlstand sichern“ und sie will sich „um diejenigen kümmern, die Hilfe und Unterstützung benötigen“, so steht es auf ihrer Website. Ihre Politik gründet auf den Pfeilern soziale Marktwirtschaft und christliches Menschenbild. Dabei zählt sie in der CDU als Mitglied der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) zum sozialpolitischen Flügel, ist also eine „Parteilinke“. Von ihrem jüngsten Aufstieg erhofft sich CDA-Vorsitzender Dennis Radtke denn auch „mehr Bandbreite in der CDU“ und ein Ende der „inhaltlichen Engführung“.
Ihr Leben ist eng verwoben mit ihrer Kirche
Wie eng die neue CDU-Generalin ihrem Glauben und ihrer Kirche verbunden ist, unterstreichen die Stationen ihres Lebens: in der Jugend Obermessdienerin, mit 12 auf ihrem ersten Kirchentag und bis ins junge Erwachsenenalter katholische Pfadfinderin. Sie besuchte den katholischen Kindergarten, katholische Schulen und jeden Sonntag mit der Familie die Messe. Pubertäre Kirchenkrise? Fehlanzeige. Bis heute fühlt sie sich in ihrer Kirche zuhause und singt in ihrer Hamburger St. Ansgar-Gemeinde im „Kleinen Michel“ regelmäßig in kleinen Vokalensembles wie in großen Kammerchören. Wieviel Zeit ihr ab jetzt dafür bleibt, wird sich zeigen. Die Liebe zur Musik teilt sie mit ihrem Ehemann Norbert Hoppermann, einem katholischen Kirchenmusiker, der sich mit dem gemeinsamen 19-jährigen Sohn ebenfalls in St. Ansgar engagiert. „Sehr verbunden“ sind beide dem Jesuitenorden, der seit 2006 die Pastoral am „Kleinen Michel“ mit seiner Spiritualität prägt. Gott gibt ihr „diese unglaubliche Zuversicht, dass da noch was Größeres ist, dass es noch eine andere Geborgenheit gibt als nur das hier. Das finde ich tröstlich“, sagte sie im März im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt.
Tatsächlich muss ihr katholischer Glaube in der hamburgischen Diaspora stärker identitätsstiftend gewirkt haben als beispielsweise im katholischen Kernland Bayern – zumindest, wenn man Erkenntnisse des französischen Soziologen Yann Raison du Cleuziou zur katholischen Pastoral auf die Hansestadt überträgt. Kurz gesagt: Wer in der Minderheit ist, für den wird sein Glaube zu einer ihn definierenden Besonderheit, er lebt ihn bewusster, auch nach außen. Weil die Alternative, in der Masse zu „verschwinden“, keine ist.
Glaube als Motor für Politik …
Mancher Beobachter sieht in Franziska Hoppermann eine Art weiblichen und jüngeren Armin Laschet und meint damit: eine Politikerpersönlichkeit, deren katholischer Glaube nicht kulturelles Beiwerk, reine Tradition oder sogar überraschender „Special Fact“ ist, deren Überzeugung im Zweifelsfall auch nicht zurechtgebogen wird (wie zuletzt von Jens Spahn), sondern vielmehr ihre Politik bestimmt – und nicht umgekehrt. Als „aktive Lebenshaltung“, die Denken, politisches Engagement und den Umgang mit Mitmenschen prägt, bezeichnete Franziska Hoppermann im März ihren Glauben.
Dem wird die (nach Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer) dritte CDU-Generalin bislang gerecht. Im Juli 2023 kämpfte sie mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Lars Castellucci dafür, die geschäftsmäßige Hilfe zum Suizid gesetzlich zu verbieten. Ausdrücklich wollte der Gesetzentwurf, der unter der Ampelregierung allerdings keine Mehrheit fand, einer gesellschaftlichen Normalisierung der Selbsttötung entgegenwirken. Das Gesetz zur Änderung des Geschlechtseintrags lehnte sie 2024 mit ihrer Fraktion ab, ebenso das Gesetz, das seitdem Demonstrationen vor Kliniken verbietet, in denen Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden. Außerdem setzte sie, die seit 2017 der Frauen-Union in Hamburg vorsteht, sich im Januar 2025 für mehr staatliche Hilfen bei geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt ein (wovon vor allem Frauen betroffen sind).
Größtmögliche Eigenverantwortung und Selbstbestimmung des Individuums steht in der katholischen Soziallehre neben dem Prinzip der zwischenmenschlichen Solidarität. Beides bejaht Franziska Hoppermann als Maximen ihres politischen Handelns und wägt es gegeneinander ab – aber im Sinn konservativer Politik, nicht linker. Für eine Ausweitung des Sozialstaats ist sie jedenfalls nicht und auch nicht für die „Rente mit 63“.
… und privates Engagement
Privat lebt sie das Soziale im Rahmen ihrer Kirche: Sie begleitet Wallfahrten der Malteser nach Rom mit behinderten Menschen musikalisch, sie wirkt bei Krippenspielen und Essensausgabe für Obdachlose beim Hilfsverein „Alimaus“ der St. Ansgar-Gemeinde mit. Die „gelebte Integration“ im „Kleinen Michel“, wo deutsche, französische, philippinische und togolesische Gruppen zusammenkommen, hat sie geprägt und begeistert sie, wie sie dem Hamburger Abendblatt sagte.
Als Jurymitglied entscheidet sie seit 2022 mit, wer den Katholischen Preis gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus erhält, den die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) alle zwei Jahre vergeben. In dieser Funktion betonte sie: „Wir sind als Christen aufgerufen, alle Menschen mit Würde und Respekt zu behandeln, unabhängig von ihrer Herkunft oder Hautfarbe“ und verwies auf Papst Franziskus und seine Botschaft von Mitgefühl und Unterstützung für die Schwächsten einer Gesellschaft.
Trennlinie Migrationsdebatte
Seit Mai 2025 ist Franziska Hoppermann auch Mitglied im ZdK – eben jenem Gremium katholischer Laien, das Annegret Kramp-Karrenbauer nur drei Monate vorher verlassen hatte, weil ZdK-Funktionäre die CDU in der Migrationsdebatte scharf kritisiert hatten. Sie trat dem ZdK bei, obwohl sie sich in dem Konflikt klar auf Kramp-Karrenbauers Seite schlug. Auch Hoppermann kritisierte „Tonlage“ und „Timing als deplatziert“: „Als praktizierende Katholikin stehen die Befürwortung und im Zweifel auch die Durchsetzung von geordneter Migration nicht im Gegensatz zum christlichen Menschenbild und nicht zum christlichen Glauben“, sagte sie Cicero im März 2025. Brisant war die Debatte geworden, weil die AfD einem Antrag der CDU (damals noch in der Opposition) zur Verschärfung der Migrationspolitik im Bundestag zu einer Mehrheit verholfen hatte – ein Novum, das bundesweite Proteste hervorrief.
Kritik an der Kirche
Wie Kramp-Karrenbauer und übrigens auch Steffen Bilger kritisiert Franziska Hoppermann eine zu große inhaltliche Nähe zwischen Kirchen und parteipolitischen Positionen: „Es sollte einen deutlichen Unterschied zwischen den Kirchen auf der einen und NGOs oder Stiftungen auf der anderen Seite geben“, sagte sie Cicero. Auch für sie ist der Kernauftrag der Kirchen, „eine Verbindung zwischen Gott und den Menschen herzustellen“. Sie sollten nicht unpolitisch sein, aber „sich häufiger in Fragen ihrer Alleinstellungsmerkmale äußern“; sie sollten im Zweifelsfall das Gespräch suchen, aber nicht in moralischer Empörung medienwirksam drauflos schlagen. Sie wünscht sich vielmehr „eine starke, aber differenzierte Stimme in ethischen Fragen und Lebensfragen“ – eine Stimme, mit der die Kirchen den Glauben als ihren „Markenkern“ wieder in den gesellschaftlichen Dialog einträgt. Die Kirche darf „in dieser Zeit nicht unsichtbar sein“, „aber auch nicht beliebig“, sagte sie der Katholischen Nachrichten-Agentur im Mai.