Steffen Bilger: Neuer Verkehrsminister ist Christ aus Überzeugung

Steffen Bilger: Neuer Verkehrsminister ist Christ aus Überzeugung
Steffen Bilger (CDU) ist seit 29. Juli der neue Verkehrsminister im Kabinett von Friedrich Merz. Foto: Tobias Koch

Vor wenigen Tagen hat Steffen Bilger (CDU) das Verkehrsressort von Patrick Schnieder übernommen. Heute lädt er zu einem Niedrigwasser-Krisentreffen nach Bonn. Ein Porträt des neuen Mannes im Kabinett und seines Glaubens.

Ob Steffen Bilger das Verkehrsministerium mit mehr Erfolg leiten wird als sein Vorgänger Patrick Schnieder (CDU)? In der jüngeren Vergangenheit hat das Amt nicht zur Profilierung seiner Hausherren getaugt. Zumindest bringt der 47-jährige mit der geradezu jugendlichen Ausstrahlung Ressort-Erfahrung mit: Von 2018 bis 2021 war er Parlamentarischer Staatssekretär unter dem umstrittenen Andreas Scheuer (CSU) und mit Beginn seines Bundestagsmandats 2009 Mitglied im Verkehrsausschuss des Bundestages (bis 2017). Zuletzt hatte er das Amt des Ersten Parlamentarischen Geschäftsführers der Bundestagsfraktion inne. 

Baden-Württemberger ist geprägt vom Pietismus

Steffen Bilger, der sich öffentlich zu seinem Christsein bekennt, zählt sich zur Württembergischen Landeskirche, der einzigen Gliedkirche der EKD, die den Pietismus integrierte und bis heute stark von ihm geprägt ist. Der Pietismus war eine Reformbewegung und stellte seit dem späten 17. Jahrhundert die persönliche Bekehrung und individuelle Beziehung zu Gott ins Zentrum – dieses Verständnis von Frömmigkeit verbindet protestantische Schwaben auch heute mit Christen aus der freikirchlichen Landschaft. Und dieses Verständnis teilt auch Steffen Bilger.

Aufgewachsen im nordöstlich von Stuttgart gelegenen Backnang, engagierte er sich als Jugendlicher dort in der kirchlichen Jugend und im Verband „Entschieden für Christus“ (EC). 2025 bezeichnete er diese Zeit als „sehr prägend für mich“. In der baden-württembergischen CDU ist er „als bekennender Christ bekannt“, so ein Parteikollege per Facebook, er stärke „das ,C‘ in der CDU“. Ein anderer beschreibt ihn als „starken Vernetzten zwischen den Kirchen und Politikern“. Der Politikwissenschaftler, syrisch-orthodoxe Christ und langjährige Parteifreund Raid Gharib lobt ihn als „geradlinigen Menschen“, der „sagt, was er tut und tut, was er sagt“; beide eint „das christliche Wertfundament, dem sich Steffen nicht nur verbal und sonntags, sondern auch in seinem politischen Handeln verpflichtet fühlt“ (per Instagram).

Regelmäßig wird Bilger als Sprecher zu christlichen Jugendverbänden, Zeltlagern und Konferenzen eingeladen. Im Interview mit der Berliner Stiftung für Christliche Wertebildung, „Wertestarter“, betonte er 2025 die Bedeutung christlicher Jugendarbeit und wünschte sich, dass noch mehr Anstrengungen unternommen werden, um „auch Menschen mit Migrationshintergrund zu erreichen“. Ob Integration oder auch Mission gemeint ist, bleibt offen. Als Christ aus Überzeugung wird er aber der Verkündigung der neutestamentlichen Botschaft auch gegenüber Menschen aus anderen Herkünften und Religionen positiv gegenüberstehen. 

Scharfe Kritik an mangelnder Integration

Fehler in der Migrationspolitik machen sich für Steffen Bilger an mangelnder Integration fest: im Anblick „vollverschleierter Frauen“ in seiner Heimat Ludwigsburg wie im schwindenden Sicherheitsgefühl seiner Mitbürger an bestimmten Plätzen. Die Vollverschleierung sei Ausdruck einer Religionsausübung, „die nicht zu unseren Werten passt“, sagte er im Oktober 2025 in einem Interview mit dem SWR. Entsprechend verteidigte er Friedrich Merz in der „Stadtbild“-Debatte, weil dieser nur ein Problem angesprochen habe, das auch die meisten Deutschen wahrnehmen. Themen offen anzusprechen, die viele als Problem empfinden, ist für Bilger kein Populismus. 

Zum „C“ der CDU: Umwelt und Soziales

Nun sind Migrationsfragen für einen Verkehrsminister ausgesprochen sachfremd. Wie aber sieht es mit Umweltthemen aus? Steffen Bilger stellt klar, die CDU ist keine „christliche Partei“, sondern eine Partei mit christlichen Grundsätzen und nennt explizit: Bewahrung der Schöpfung (Umweltpolitik) und Nächstenliebe (Sozialpolitik). Und doch hat sich der Jurist Bilger eher als Anwalt seines Autolandes Baden-Württemberg gezeigt, als er beispielsweise im Juli 2026 mit seiner Bundestagsfraktion gegen ein allgemeines Tempolimit stimmte oder sich dagegenstellte, als die EU den Verkauf neuer Verbrenner ab 2035 verbieten wollte. Doch gleich zu Beginn im Verkehrsausschuss des Bundestages 2009 machte er das damals noch „neue“ Thema Elektromobilität zu seinem und es blieb sein Thema. Er setzt in „grünen“ Themen auf Pragmatismus und Technologieoffenheit, will nicht „ideologisch“ sein – und meint: nicht so wie die häufig als „Verbotspartei“ gescholtenen Grünen. 

Im Gespräch mit grünen Abgeordneten … 

Vorschnellen Etiketten entzieht sich dieser Konservative – der 2014 Teil der „Pizza-Connection“ wurde, einer Wiederauflage der berühmten informellen Gespräche zwischen jungen Bundestagsabgeordneten der Grünen und der CDU, die es zuerst in den 1990er- und 2000er-Jahren gab. Da reden auch die Leute aus entgegengesetzten Flügeln miteinander – man lotet aus, was miteinander gehen könnte, und zwar streng vertraulich. Das Denken in alten politischen Lagern teilt Bilger schon lange nicht mehr, auch angesichts der baden-württembergischen Verhältnisse: Zum fünften Mal in Folge hat er 2025 das Bundestags-Direktmandat in seinem Wahlkreis Ludwigsburg gewonnen, wo sich Grüne und CDU auf kommunaler Ebene Kopf-an-Kopf-Rennen liefern. Automobilzulieferer und Maschinenbau-Betriebe sind in Ludwigsburg wichtige Arbeitgeber, gleichzeitig ist dort aber auch viel Innovation zuhause. Auf Landesebene gewannen die Grünen die Wahl unter Winfried Kretschmann 2011, Grün-Schwarz regiert in Baden-Württemberg seit 2016 – für Bilger würde das auch auf Bundesebene funktionieren, auch wenn das für beide Parteien „keine Wunschvorstellung“ ist, wie er 2021 in einem Interview sagte. 

… und seine Kritik an „zu grünen“ Kirchenleitenden

Vergangenen Oktober kritisierte Bilger die Kirchen, insbesondere die evangelische Landeskirche Berlins, wegen der inhaltlichen Nähe, die er zwischen grüner Parteipolitik und Kirchenfunktionären ausmacht. Berechtigte Kritik vonseiten der Kirche an der Politik – auch an der CDU/CSU – sollte „auf Grundlage der christlichen Botschaft“ geschehen und nicht als bloße Übernahme parteipolitischer Positionen. 

Das wirft eine interessante Frage auf: Bilger benennt die christliche Nächstenliebe als grundlegenden Wert für die Sozialpolitik der CDU. Doch worin sich diese niederschlägt, wäre noch durchzubuchstabieren. Reagiert die Sozial- und Migrationspolitik nicht eher auf innenpolitische Zwänge, weil Geld und Kapazitäten fehlen? Weil es um Gerechtigkeit gegenüber den Steuerzahlern geht? Weil eine wachsende Zahl an Bürgern verunsichert und überfordert ist? Auch deswegen die AfD wählt? Was an der christdemokratischen Sozialpolitik ist denn christliche Nächstenliebe, was Realpolitik? Wo scheitert das eine oder das andere oder beides? 

Steffen Bilger wünscht sich in den Kirchen Raum für ein breiteres Meinungsspektrum, in dem sich auch die verschiedenen Kirchenmitglieder, die Bürger wiederfinden können – und Politiker wie er: „Es ist schade, dass immer wieder gerade die kirchlich gebundenen Politiker vor den Kopf gestoßen werden.“ Und die Pfarrer: Auch Bruder Matthias Bilger, württembergischer Pfarrer, hat schon gegen den Kurs evangelischer Kirchenleitungen protestiert – ob wegen des Umgangs mit „Corona“ oder einer abweichenden Meinung zur Seenotrettung. In seiner württembergischen Landeskirche aber ist er gern, betont Steffen Bilger. 

Christentum garantiert Würde und Wert des Menschen

Verpflichtet sieht sich Steffen Bilger dem „christlichen Verständnis des Menschen“, so schreibt er es auf seiner Website: Denn nur das „garantiert dessen Würde und Wert“. Wenn sich Politik also an diesem Verständnis vom Menschen als einem in Gottes Ebenbild geschaffenen Wesen orientiert, ist das, ganz der Volksvertreter, „gut für alle Menschen“, ob gläubig oder nicht. 

Auf seine frühe christlich-soziale Prägung – der Vater Sozialdiakon, Bilger selbst Zivildienstleistender in einer Einrichtung der Obdachlosenhilfe – legt Steffen Bilger bis heute Wert. Aufgrund der Kriegserfahrungen in der Generation seiner Großeltern hatte er als Christ den Wehrdienst verweigert, heute würde er es „wahrscheinlich anders entscheiden“. In Sachen Lebensschutz hingegen ist sein „Standpunkt immer klar“ für den Schutz des Lebens, so Bilger 2021 – wenn Christen zu einem anderen Ergebnis kommen, respektiert er das, auch wenn er mit Positionen und Stellungnahmen „seiner“ EKD manchmal „hadert“. 

Ihn leitet sein Gewissen und das „Wissen um die eigene Verantwortung vor Gott“ (so gegenüber dem Verein „Christ + Jurist“). 2010 stimmte er für den Schutz der Gewissens- und Religionsfreiheit weltweit, inklusive des „Rechts auf ungehinderten Glaubenswechsel“, ebenso 2018. Den Gesetzentwurf 2011 zur Präimplantationsdiagnostik, der in bestimmten Fällen den Gen-Check künstlich erzeugter Embryonen auf schwere Erbkrankheiten erlaubte, lehnte er ab. 2012 wie 2017 stimmte er gegen die Einführung der „Ehe für alle“. 2019 lehnte er den ersatzlosen Wegfall des „Werbeverbots“ für Schwangerschaftsabbrüche (§219a) ab. 

Christen sollen Politik aktiv begleiten 

Von Christen und christlichen Gemeinden wünscht sich Bilger, dass sie den inhaltlichen Austausch mit Politikern suchen und deren Arbeit aktiv begleiten: „Ich freue mich auch über die, die sagen, wir beten für Sie, weil wir wissen, dass nicht alles einfach ist.“ Er ermutigt Christen, sich politisch zu engagieren und Einfluss zu nehmen, weil Politik immer ein Spiegelbild der gesamten Gesellschaft sein soll. 

Gemeinschaftliches christliches Leben pflegt er in den Berliner Sitzungswochen beim Gebetsfrühstück am Freitagmorgen um viertel vor acht: Dort ist für ihn fraktionsübergreifend ein vertraulicher Austausch möglich, Abgeordnete lesen gemeinsam die Herrnhuter Losungen, sprechen über den Bibelvers, beten, frühstücken gemeinsam. Das tut auch der Atmosphäre in der nachfolgenden Plenarsitzung gut, sagt Steffen Bilger. Wer vorher gemeinsam gebetet hat, vergreift sich auch nicht im Ton.  

Die AfD „noch härter“ stellen

Doch darf man sich von seiner freundlichen Ausstrahlung nicht verleiten lassen, ihn für „zu nett“ zu halten. Mehrheiten in der Unionsfraktion zu organisieren – auch das zählte zu seinen Aufgaben als Erster Parlamentarischer Geschäftsführer – erfordert Durchsetzungskraft. Auch seine Statements zu umstrittenen Themen zeigen, dass der Neue im Verkehrsministerium um deutliche Worte im Zweifelsfall nicht verlegen ist. 

Vielleicht hilft das in der klaren Abgrenzung zur AfD, auch wenn ihm das Verkehrsministerium nicht allzu viel Gelegenheit dazu bieten dürfte: Denn dass die AfD „inhaltlich noch härter“ gestellt werden muss, glaubt Steffen Bilger sicher. „Nur“ Probleme zu lösen hat sie bisher nicht verkleinert. Doch darüber hinaus „müssen wir auch eine neue Zuversicht in unserem Land entwickeln“. 

Es folgt ein Porträt der neuen CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann.