Lettland: Wie die Kirche auf das Trauma antwortet
Morgen wählt Lettland sein Parlament: Der russische Angriff auf die Ukraine hat dort die Wunden der Sowjetzeit aufgerissen und die politische Landschaft verändert. In Riga macht sich Eva Heuser auf die Spuren der Geschichte und fragt in der evangelischen Kirche nach der Rolle der Christen in dieser Zeit.
Wer durch die Altstadt von Riga schlendert, stößt auf mittelalterliche hanseatische Kaufmannshäuser, auf nordeuropäische Backsteingotik und die Bremer Stadtmusikanten. Das Interesse norddeutscher und skandinavischer Kaufleute am rohstoffreichen Baltikum und Riga als Tor zum russischen Hinterland hat jahrhundertelang Spuren hinterlassen. Und auch wenn der deutschen Besiedlung im Mittelalter Eroberungen vorausgingen und die Deutschbalten als Oberschicht die lettische Gesellschaft bis ins 20. Jahrhundert hinein dominierten: Ins kollektive Gedächtnis gefräst haben sich mit den Besatzungen der jüngeren Vergangenheit vor allem andere, dunklere Kapitel der Geschichte. Auch sie kann der Besucher leicht in der Rigaer Altstadt aufschlagen: vor allem im Lettischen Okkupationsmuseum, wo die deutsche und sowjetische Besatzung minutiös aufgearbeitet wird. Der russische Angriff auf die Ukraine hat diese Narben wieder aufgerissen.

Das Schwarzhäupterhaus auf dem Rigaer Rathausplatz: Es war Sitz einer Vereinigung meist (nord-) deutscher Kaufleute.
Erinnerung schürt Sorge
Dass die Stimmung gerade aufgeheizt ist wie seit Jahren nicht mehr, beschreiben Mareks Ignats und seine Frau Aija Ignate aus einer Kleinstadt südwestlich von Riga. Sie leben gut fünf Autostunden von der russischen Grenze entfernt, dort bleibt es ruhig. In Grenznähe erhalten lettische Bürger Drohnenwarnungen per App auf ihr Handy. Mareks Ignats ist Pastor der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands (Latvijas Evaņģēliski luteriskā baznīca, kurz LELB), Aija Ignate arbeitet dort als Evangelistin. Sie stehen mit vielen Menschen in Kontakt: „Die Leute erinnern sich daran, wie wir unsere Unabhängigkeit verloren haben“, sagt sie.
Die am 18. November 1918 ausgerufene Lettische Republik endete mit der Annexion der baltischen Staaten durch die Sowjets 1940. Das vorrückende Hitler-Reich besetzte Lettland 1941 bis zur Rückeroberung durch die Rote Armee 1944-45 und löschte die jüdische Bevölkerung fast vollständig aus. Erst am 4. Mai 1990 erklärte Lettland erneut seine Unabhängigkeit, die von einer zerfallenden Sowjetunion schließlich anerkannt wurde.
Unter dem sowjetischen Regime erfuhren die Letten, wie ihre Kultur, Sprache und Religion Schritt für Schritt für minderwertig erklärt, unterdrückt, verboten wurden und eliminiert werden sollten. Kommunistische Gleichschaltung machte Patriotismus zum Verbrechen und zielte auf die Auslöschung religiöser Praxis. 50 Jahre, zwei Besatzer, dreimal Fremdherrschaft brachten Verhaftungen, Folter, Morde, Massendeportationen, Zwangsumsiedlungen, auseinandergerissene und enteignete Familien mit sich und die „Russifizierung“ durch die massenhafte Ansiedlung von Menschen aus allen Ecken der UdSSR. „Der Gedanke daran, dass das wieder geschehen könnte, ist im Hintergrund immer da. Wir sind noch nicht lange von Russland unabhängig, wir sind ihre Nachbarn und sie haben das alles schonmal getan“, fasst Aija Ignate zusammen, was so viele Letten bedrückt, aber auch wütend macht. Insbesondere der lettische Nationalfeiertag am 18. November und der nahende Winter würden viele eine russische Eskalation befürchten lassen.
Regierung scheiterte am Thema Sicherheit
Wie unruhig die Zeiten sind, spiegelt sich auch im Verfallsdatum der Regierungen. Wenn am Samstag gewählt wird, ist das Kabinett von Ministerpräsident Andris Kulbergs (AS, „Vereinigte Liste“) gerade einmal vier Monate im Amt. Die vorherige Regierungschefin Evika Siliņa (JV, „Neue Einheit“) war Mitte Mai mit ihrer Regierungsmannschaft zurückgetreten, weil man sich nicht auf einen neuen Verteidigungsminister hatte einigen können. Dem Streit waren mehrere Drohnen-Vorfälle unmittelbar vorausgegangen, bei denen auch ein Öllager getroffen wurde. Ins Verteidigungsressort zog auf Siliņas Vorschlag ein parteiloser Oberst ein, dem man offenbar mehr Kompetenzen im Umgang mit der brenzligen Lage zutraute als seinem Vorgänger. Der Konflikt hat Siliņas „Neue Einheit“, die weiterhin Teil der aktuellen Vier-Parteien-Koalition ist, schwer beschädigt. Umfragen sehen aktuell Einbrüche von rund 12 Prozent – Kulbergs „Vereinigte Liste“ legt aber rund 12 Prozent zu. Stand heute hätte die aktuelle Koalition noch eine Mehrheit in der Saeima.
Das ist ein wichtiges Signal für Stabilität in einer Zeit, in der in Lettland rechtspopulistische Kräfte erstarken und die Menschen sich mit dem Vertrauen in die Politik schwertun. Auch das hat tieferliegende Gründe: 1939-40 kooperierte die lettische Regierung mit dem übermächtigen russischen Nachbarn und leitete den Verlust der eigenen Souveränität ein. Neben seinen Streitkräften hat Lettland eine Nationalgarde aus Freiwilligen, eine „Landeswehr“ (Zemessardze) aus allen sozialen Schichten und Berufen. Sie genießt besonderes Vertrauen in der Bevölkerung, weil sie nicht als verlängerter Arm einer Regierung wahrgenommen wird, die sich schlimmstenfalls als unzuverlässig erweisen könnte. Diese Landeswehr war es auch, die 1918 die erste Unabhängigkeit Lettlands verteidigte.
Ukraine-Krieg verändert Wahlergebnisse
Es ist politisch ohnehin nicht leicht, den Überblick zu behalten. Unter den politischen Parteien gibt es viel Fluktuation in recht kurzer Zeit: Neugründungen, Abspaltungen, Zusammenschlüsse, Umbenennungen. Der russische Angriff auf die Ukraine hat auch die politische Landschaft verändert. „Keine Partei würde offen von sich sagen, dass sie prorussisch ist – nicht heutzutage“, sagt Aija Ignate.
In Lettland leben rund 25 Prozent Russischstämmige. Die Massenansiedlungen und die Umklammerung durch die UdSSR haben auch auf persönlicher Ebene für Verflechtungen gesorgt: „In jeder Partei findet sich ein Lette, der einen Verwandten in Russland hat oder dessen Vater ein in Lettland lebender Russe ist“, sagt Aija Ignate. Und doch sorgt diese familiäre Nähe heute nicht für große Russland-Unterstützung im Land, meint Mareks Ignats: „Selbst die Russen, die hier leben, würden nicht sagen, dass der Krieg in der Ukraine eine gute Sache ist. Radikale Sichtweisen findet man nur bei einem Bruchteil der Bevölkerung.“
Seine Wahrnehmung spiegelt sich in aktuellen Umfragewerten. Konnte die als prorussisch geltende „Harmonie“-Partei 2018 noch zum dritten Mal stärkste Kraft werden, ist das heute kein Thema mehr. Die „Harmonie“-Partei wurde von Koalitionen der anderen Parteien immer erfolgreich vom Regieren abgehalten. In den aktuellen Umfragen zur Wahl des 15. Parlaments, der Saeima, am 3. Oktober aber kommt keine Partei, die als prorussisch eingestuft wird, auf viel mehr als drei Prozent – und schaffen damit nicht die 5-Prozent-Hürde für den Einzug in die 15. Saeima.


Mit Nächstenliebe gegen Polarisierung …
Auch der Stolz auf die nationale Unabhängigkeit und die Solidarität mit der Ukraine spiegeln sich in den Gassen und auf den Plätzen der lettischen Hauptstadt. „Freedom for Baltic“ hat jemand auf eine Mauer gepinselt und auf Lettisch daneben: „Es lebe Lettland“. Die rot-weiß-rote Nationalflagge hängt an vielen Gebäuden, häufig zusammen mit der EU-Flagge und der ukrainischen. Eine freie Nation zu sein ist hier keine Selbstverständlichkeit.
Auch in den Kirchen steht die lettische Flagge, gleich links neben dem Altar, in manchen zusätzlich eine ukrainische. Um 12 Uhr rufen einige Kirchen zum Gebet für Frieden in der Ukraine auf, mancherorts spielen Kirchenglocken die ukrainische Hymne an, danach die lettische, berichtet Aija Ignate. Wie gehen sie in ihrer Gemeinde mit den gesellschaftlichen Traumata, mit Krieg und Polarisierung um? „Wir betonen, dass wir Menschen immer noch lieben sollen. Wir können doch nicht sagen, dass alle Russen ,böse’ sind oder wir sie alle hassen. Auch auf der russischen Seite stehen Menschen. Auch sie leiden, weil ihre Männer in den Krieg gezwungen werden. Wir beten auch für sie, dass sie Jesus annehmen, dass sie Heilung ihrer tiefen Wunden empfangen. Ohne das nehmen Zorn und Verbitterung weiter zu und verursachen noch mehr Schwierigkeiten.“


… und mit dem Evangelium gegen die Angst
Sie berichtet von einer besonderen Resilienz, die Christen auszeichne, die unter dem Sowjetregime viel erlitten hatten: „Aus ihren Lebenszeugnissen wissen wir, dass Glaube im Angesicht des Bösen trotzdem aufblüht und sie auch bereit waren, mit Christus zu leiden. Christus ging ans Kreuz – als Christ zu leben kann bedeuten, auch mit ihm zu leiden.“ Diesen Berichten, auch aus dem katholischen und orthodoxen Kontext, aufmerksam zu lauschen, tiefe theologische Reflexion und eigene Glaubenserfahrung brächten widerstandsfähige und unerschrockene Christen hervor, auch wenn es derer im Moment nicht sehr viele gebe.
Leiden, so die Erfahrung von Aija Ignate und Mareks Ignats, der auch die Jugendarbeit seiner Kirchengemeinde leitet, lässt Menschen überhaupt erst nach Gott fragen. Das haben sie auch während der Corona-Pandemie so erlebt. Überhaupt ist für Pastor Ignats „Furcht unser größter Feind. Wer sich fürchtet, fragt nicht nach der Wahrheit. Aber die Wahrheit ist das, was uns frei macht.“ Er zitiert damit ein Wort von Jesus aus dem Johannesevangelium. „Was uns frei macht, ist der Glaube an Jesus. Denn ob wir im Frieden leben oder im Krieg, ob wir leiden oder krank sind – Gott ist in genau dieser Situation mit uns. Welche das ist, ist dann gar nicht mehr entscheidend.“ Es ist eine leiderprobte Sicht, die die Mehrzahl der Christen weiter westlich herausfordern dürfte.
Erzbischof: „In dieser Botschaft finden Menschen Hoffnung“
Auch Erzbischof Rinalds Grants, seit August 2025 Oberhaupt der LELB, sieht die Hauptrolle der Kirche in diesen kritischen Zeiten darin, „das Evangelium von Jesus Christus zu predigen“. Er bestätigt im Gespräch mit unserem Blog: „In dieser Botschaft finden Menschen Hoffnung und können die Furcht überwinden, die sie überall umgibt.“ Bereits als früherer Leiter der überkonfessionellen „Alpha-Kurs“-Bewegung in Lettland war es ihm ein Anliegen, auch kirchenferne Menschen in Form von Glaubenskursen mit dem christlichen Glauben in Berührung zu bringen. In der Alten St. Gertrud-Kirche in Riga jedenfalls erlebte er – dank dieser Glaubenskurse – Gemeinde-Wachstum gegen den Trend und eine durch ein starkes Ehrenamt geprägte, aktive Gemeinde. „Kirche muss ein Leuchtturm sein für eine junge Generation, die nach Orientierung sucht. Sie ist nicht dazu da, eine Gesellschaft zu polarisieren, sondern dazu, Brücken zu bauen.“


Wer mit offenen Augen durch die Altstadt von Riga schlendert, für den liegen die dunklen und hellen Kapitel Lettlands manchmal direkt beieinander. Im Rigaer Dom, wo ein Erzbischof von der Hoffnung des Evangeliums predigt, stößt man im Kreuzgang ganz unverhofft auf einen Schachtdeckel aus sowjetischer Besatzungszeit. Für Erzbischof Grants wie Aija Ignate und Mareks Ignats ist das Evangelium das große heilsame Kapitel in einer lettischen Geschichte voller Traumata – für alle, die es aufschlagen wollen.