Ohnmacht einer Weltmacht

Ohnmacht einer Weltmacht
Ground Zero heute: Lichtsäulen markieren, wo früher die Türme des World Trade Center standen. Foto: Marion Hayes

Vor 25 Jahren lenkten islamistische Terroristen zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center in New York, ein weiteres ins Pentagon. Der Anschlag, auf den sich US-Amerikaner seitdem als „9/11“ beziehen, veränderte die Welt. 

Es war eine beispiellose Demütigung für die Vereinigten Staaten: Das Land wurde erstmals auf eigenem Boden angegriffen und schwer getroffen. Die Weltmacht konnte dem Terror nur hilflos zusehen, weil sie die Pläne der Terroristen nicht kannte. Die Idee, Flugzeuge zu entführen, um sie dann in Gebäude zu steuern – das hatte bis zum 11. September 2001 niemand auf dem Schirm, außer den Attentätern. Die „Live-Übertragung“ der Terroranschläge auf den TV-Sendern der Welt zeigte allen, wie verletzlich die USA waren und sie sorgten für die vom Terrorismus gewünschte Verstärkung der psychologischen Effekte: Einschüchterung, Angst, Hilflosigkeit …

„Diabolische Fantasie“

Der Fernsehjournalist Claus Kleber, damals als Korrespondent für die ARD in Washington, griff die umstrittene Einschätzung des Komponisten Karlheinz Stockhausen auf, der das Attentat als „Kunstwerk“ beschrieb, was bei vielen auf Empörung stieß. Stockhausen sagte wörtlich auf einer Pressekonferenz: „Also, was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen – das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat.“ Claus Kleber dazu: „Der Mann hat recht. Das war mit einer diabolischen künstlerischen Fantasie inszeniert. Ein auf schreckliche Weise perfekter Anschlag.“

„Vor dem 11. September waren wir daran gewöhnt, die Zwillingstürme als Symbol für Amerikas Stärke und Macht zu sehen“, doch nun zerfielen sie vor den Augen der Welt zu Staub, sagte Kevin Madigan. 2001 war er Pastor von St. Peter, der ältesten katholischen Gemeinde in New York, wenige hundert Meter vom World Trade Center entfernt.

Linienflugzeuge als Terrorwaffen

Terroristen von Al-Qaida entführten am 11. September 2001 vier US-Linienflugzeuge und verübten damit Anschläge, bei denen fast 3.000 Menschen starben. Zwei Flugzeuge wurden in die über 400 Meter hohen Zwillingstürme in New York gelenkt, eines ins Pentagon in Washington und ein viertes stürzte dank des mutigen Einsatzes von Passagieren ab, bevor es ebenfalls ins Pentagon gesteuert werden konnte.

New York war am 11. September und noch lange danach im Ausnahmezustand: Chaos, Schrecken, Angst und Trauer bestimmten die Stimmung in der Metropole. Die Handynetze funktionierten nicht und so konnten die meisten keinen Kontakt mit ihren Angehörigen und Freunden aufnehmen, um ihnen zu sagen, wo sie sind und dass sie noch leben. Überall in Parks und an Straßen waren Fotos und Plakate zu sehen, auf denen Menschen ihre Angehörigen suchten.

Gegenüber Focus online beschrieb Joschka Fischer, damals Außenminister in der Regierung von Bundeskanzler Gerhard Schröder, was ihn an dem Tag bewegte: „Ich hatte Freunde in Washington, und als das dritte Flugzeug ins Pentagon einschlug, war natürlich die Frage: Leben sie noch? Und was wird als Nächstes getroffen? Der Kongress? Vielleicht sogar das Weiße Haus? Das waren unglaublich dramatische Stunden.“

Der United Airlines-Flug Nr. 175 kracht am 11. September 2001 in den Südturm des World Trade Centers. Foto: Matt Wade via Wikimedia Commons

Der United Airlines-Flug Nr. 175 kracht am 11. September 2001 in den Südturm des World Trade Center. Foto (Ausschnitt): Matt Wade via Wikimedia Commons

Ein Fanal gegen „den Westen“, die USA und Israel

Die Terroranschläge vom 11. September waren ein Fanal extremistischer Muslime gegen „den Westen“, die USA und Israel. Zunächst bestritt Osama Bin Laden, dass er und Al-Qaida etwas mit dem Terrorakt vom 11. September zu tun hatten. Erst ein Jahr später, im November 2002, wurde ein sogenannter „Brief an die Amerikaner“ öffentlich, in dem sich Al-Qaida zu dem Anschlag bekannte. 

Darin werden die USA als imperialistische Macht gegeißelt, die der muslimischen Welt gegenüber feindlich eingestellt sei. Außerdem wendeten sie weder die Scharia (das islamische Recht) an, noch verurteilten sie Wirtschaftspraktiken wie Zinswucher. Das Land sei moralisch verfallen. In dem „Brief“ werden die Amerikaner aufgefordert, den islamischen Glauben anzunehmen. Er fordert die USA auf, ihr Militär aus muslimischen Gebieten abzuziehen und weder muslimische Regime zu unterstützen, noch auszubeuten. In dem Bekennerscheiben wird auch behauptet, AIDS sei eine „satanische amerikanische Erfindung“.

Osama Bin Laden während eines Interviews mit dem pakistanischen Journalisten Hamid Mir am 8. November 2001 in Kabul (Afghanistan). Foto (Ausschnitt): Hamid Mir via Wikimedia Commons

Osama Bin Laden während eines Interviews mit dem pakistanischen Journalisten Hamid Mir am 8. November 2001 in Kabul (Afghanistan). Foto (Ausschnitt): Hamid Mir via Wikimedia Commons,

Das Manifest bezeichnet den Terroranschlag als „Antwort auf den Krieg des Westens gegen die Muslime“. Auch Palästina sei durch „den Westen“ angegriffen und militärisch besetzt worden. Daher gelte: „Das Blut, das aus Palästina fließt, muss ebenso gerächt werden.“

Die Schaffung (des Staates) Israel sei „ein Verbrechen“

Zu Israel, das 1948 in Palästina seinen Staat gründete, heißt es: „Die Schaffung Israels ist ein Verbrechen, das muss ausgelöscht werden. Jede Person, deren Hände sich durch ihren Beitrag zu diesem Verbrechen verunreinigt haben, muss den Preis dafür zahlen …“

Nicht die Juden seien die wahren Erben Palästinas, sondern die Muslime: „Es sind die Muslime, die die Erben von Moses (Friede sei mit ihm) und die Erben der echten Tora sind, die nicht verändert wurde. Muslime glauben an alle Propheten, einschließlich Abraham, Moses, Jesus und Muhammad, Frieden und Segen Allahs seien auf ihnen allen. Wenn den Anhängern Moses in der Tora ein Recht auf Palästina versprochen wurde, dann sind die Muslime die würdigste Nation dafür.“

Trauriges Revival des Bekennerschreibens im Gaza-Krieg

2023, während des Gaza-Krieges, erlangte das Manifest erneut große Aufmerksamkeit, nachdem eine Zusammenstellung von TikTok-Videos, die daraus zitierten, auf X (vormals Twitter) viral gegangen war. Nach Auskunft von TikTok wurden die Videos zwei Millionen Mal angesehen. Dann habe ein Zusammenschnitt bei X neue Aufmerksamkeit darauf gelenkt, der in wenigen Tagen 15 Millionen Mal angesehen wurde.