Chance für Veränderung

Ein Kommentar von Norbert Abt

Dass sich die katholische Kirche in Deutschland ab ersten Advent auf den zweijährigen synodalen Weg macht, ist zunächst eine gute Botschaft. Es zeigt aber auch, unter welchen immensen Druck und in welche Not die Kirche durch die Missbrauchsfälle geraten ist. Doch auch wenn der synodale Weg durch die Umstände geradezu erzwungen wurde, liegt darin dennoch eine Chance: Die Möglichkeit zu einer Veränderung, die den Gläubigen, auch den Frauen, größere Verantwortung überträgt.

Die Repräsentanten der Kirche haben immer wieder eine mehr als schlechte Figur gemacht, wenn es darum ging, die Missbrauchsvorwürfe zu prüfen und die Gläubigen, in der Regel Kinder, aber auch Frauen, vor Priestern und deren sexueller Gewalt zu schützen. Das ist mehr als beschämend. Bisher hat die Kirche die Schuld ihrer Priester eher bemäntelt als bekannt sowie den Opfern keinen oder viel zu spät Glauben geschenkt und, wenn es zutreffende Vorwürfe waren, ihnen keine oder zu wenig Fürsorge und Entschädigung zukommen lassen. Das ist einer christlichen Kirche nicht würdig und entspricht nicht dem Geist des Evangeliums.

In dieser nie dagewesenen Vertrauenskrise sucht die Kirche mit dem synodalen Weg nun die Flucht nach vorn. Sie setzt Themen auf die Agenda, die nicht neu sind, die aber schon lange schwelen, und zwar nicht nur in Medien und Öffentlichkeit, sondern auch unter den Gläubigen. Es wird bei den Beratungen des synodalen Weges vor allem darum gehen müssen, wie nicht geweihte Gläubige, natürlich auch Frauen, mehr Verantwortung in dieser Kirche wahrnehmen können.

Dabei wird klar, dass der synodale Weg, es ist ja ein Gesprächs- und Beratungsprozess, die eine Sache ist, aber die Einigung und die Durchsetzung struktureller Veränderungen in der Kirche eine ganz andere. Keiner, der die Kräfte-, Macht- und Rechtsverhältnisse in der katholischen Kirche kennt, erwartet schnelle und widerspruchslose Veränderungen. Doch der Vertrauensverlust für die Kirche in der Bevölkerung wiegt so schwer, dass etwas passieren muss. Das hat die deutschen Bischöfe letztlich zu dem Schritt gebracht, um nicht zu sagen, geradezu gezwungen. Es bedarf nun einer gemeinsamen Haltung in der deutschen Kirche, vor allem zwischen den veränderungswilligen und den beharrenden Bischöfen, für Veränderungen. Und es braucht dann auch eine Bereitschaft in Rom, Veränderungen zu unterstützen.

Dann dürfte es einmal mehr darauf ankommen zu erfahren, wieviel die Hoffnungen wert sind, die Papst Franziskus zu Anfang seines Pontifikates weckte, als er die Kirchen vor Ort zu mehr Eigenständigkeit ermutigte. Nach dem zweijährigen synodalen Weg kann der Kirchenleiter unter Beweis stellen, wie ernst es ihm damit ist. Die Ergebnisse der jüngsten Amazonas-Synode dämpfen leider eher die Hoffnungen.

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