Wer kämpft am besten gegen Corona?

Wer kämpft am besten gegen Corona?
Der Kampf gegen die Pandemie als Wettlauf zwischen Ländern und politischen Systemen: Wer schneidet am besten ab?

Seit etwas über einem Jahr ist die Corona-Erkrankung bekannt. Zunächst machte die Region um die chinesische Stadt Wuhan von sich reden und galt als Erst-Übertragungsort für das Virus mit der Bezeichnung Sars-CoV-2. Auch die jüngste Untersuchung der WHO brachte keine letzte Gewissheit, ob sich hier die Übertragung von einem Tier auf den Menschen erstmals ereignete. 

Seit dem Aufkommen der Erkrankung wetteifern Länder und politische Systeme um den ersten Platz in der Bekämpfung des Corona-Virus. Vor allem autoritär geführte Staaten wie China wollen hier glänzen. Corona ist nicht nur eine Pandemie und damit eine riesige Herausforderung. Corona bedeutet, ganz gleich wie man dazu stehen mag, auch Konkurrenz und Schaulaufen. In diesem Wettlauf der Länder und politischen Systeme geht es um die Frage: „Wer ist erfolgreicher bei der Bekämpfung der Pandemie?

Dieser Wettstreit wird nicht offen ausgetragen. Aber er läuft bei allen Meldungen und Berichten zur Pandemie in den Medien und Köpfen der Menschen immer mit. Der „Corona-Wettkampf“ kennt sehr viele Disziplinen: Wer hat das bessere Gesundheitssystem? Wer testet besser? Wer schützt seine alten Menschen am besten? Wie gut ist die Intensivmedizin aufgestellt? Was ist der beste Weg für Kinder in Kitas und Schulen? Wer ist schneller beim Impfen? Wer schafft es zu schützen und zugleich die Wirtschaft möglichst wenig zu schädigen?

Die ungeschminkte Wahrheit
So sind viele Menschen nicht nur Besorgte und Betroffene, sondern zugleich auch Zuschauer in einem internationalen Rennen um den Platz des besten Corona-Bezwingers. Und dieser lässt sich denkbar leicht ermitteln: Es reicht der Blick auf die Zahl der Infizierten und Toten. Diese Zahlen sind, wenn sie seriös erhoben werden, die harte, ungeschminkte Wahrheit, der niemand ausweichen kann.

Das musste selbst ein Wirklichkeitsverdreher wie Donald Trump erleben, der sich gegen die unerbittliche Wucht von Todes- und Krankenzahlen in seinem Land nicht mit Verharmlosung und einer wissenschaftsfeindlichen Sicht durchsetzen konnte und der ohne die Corona-Pandemie wieder zum US-Präsidenten gewählt worden wäre.

Autoritäre Staaten um Lösungs-Image bemüht
Vor allem Staaten, in denen demokratische Strukturen keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen, sind auffällig darum bemüht, sich als erfolgreiche Corona-Bekämpfer in Szene zu setzen. An vorderster Linie China, wo in Wuhan die Corona-Pandemie wohl ihren Anfang nahm: China bemühte sich erfolgreich, das Image vom Schmuddelkind abzuschütteln, und präsentierte sich stattdessen als vorbildlicher Corona-Bezwinger, um damit die Überlegenheit des eigenen politischen Systems unter Beweis zu stellen. Im Blick auf die Pandemie-Bekämpfung spricht das Land immer wieder vom “schwachen Westen”.

Kritiker werden mundtot gemacht
In Ländern wie China werden Kritiker der Pandemie-Bekämpfung denn auch zu Feinden des Landes abgestempelt und gnadenlos mundtot gemacht. So erging es auch der chinesischen Journalistin Zhang Zhan, die aus Wuhan über die Corona-Ausbreitung und die Situation dort in ihren Blog-Spots informierte. Kurz vor Jahresende verurteilte sie ein Gericht in Shanghai zu vier Jahren Gefängnis. Was in den meisten Berichten unerwähnt blieb: Die 37-Jährige ist Christin und reiste trotz der großen Gefahr im Februar 2020 nach Wuhan, um von dort zu berichten.

„Die wahre Tragödie dieses Landes“
Die Bloggerin filmte überfüllte Krankenhäuser, leere Straßen und Läden, Krematorien, aber auch wie Bürgerinnen und Bürger von den Behörden eingeschüchtert und Journalisten verhaftet wurden, um so ein wirklichkeitsgetreues Bild zu vermitteln. In ihrem letzten Video, das Zhang Zhan im Mai 2020 veröffentlichte, sagte sie: „Die Regierung hat die Situation in der Stadt nur mit Hilfe von Drohungen und Einschüchterungen unter Kontrolle gehalten. Das ist die wahre Tragödie dieses Landes.“

Währenddessen schwiegen die offiziellen Medien in China darüber oder priesen gar ihr Vorgehen und ihre Erfolge. China wurde zu Recht wiederholt für seine schlechte Informationspolitik kritisiert. Mittlerweile ist nachgewiesen, dass das Land nicht nur zu spät informiert hat, sondern dass die Zahl der Infizierten zehnmal höher war als von offizieller Stelle angegeben. Und auch die Zahl der Todesopfer wurde zweifellos geschönt.

Permanent gefesselt – Folter und Misshandlung drohen
Amnesty International (AI) wies auf das Schicksal der unbequemen Journalistin Zhang Zhan und die Bedingungen ihrer Gefangenschaft hin: „Sie muss Fußfesseln tragen und ihre Hände sind seit mehr als drei Monaten pausenlos gefesselt. Es besteht große Sorge um ihre Gesundheit und ihre körperliche und psychische Unversehrtheit. Ihr drohen zudem weitere Folter und andere Misshandlung“, so der AI-Bericht.

Zhang Zhan wurde im Mai letzten Jahres festgenommen. Zunächst galt sie als verschwunden, weil die Behörden dazu nichts verlauten ließen. Während ihrer Gefangenschaft trat sie in den Hungerstreik, um gegen ihre Inhaftierung zu protestieren und ihre Unschuld zu betonen, so AI. Und obwohl sie die Absicht hatte, den Hungerstreik fortzusetzen, hätten Gefängnisbeamte ihr gegen ihren Willen Nahrung verabreicht. Laut einem Bericht der South China Morning Post aus Hongkong wird Zhang Zhan ihre Strafe nicht anfechten, damit gilt ihr Fall in China als abgeschlossen. Sie sei einen Tag nach dem Besuch ihrer Verteidiger von Mitarbeitern der Haftanstalt „dazu gebracht worden“, auf rechtliche Schritte zu verzichten.

Auch Demokratien wollen gut dastehen
Natürlich sind auch demokratisch gewählte und kontrollierte Regierungen bemüht, ihre Arbeit erfolgreich darzustellen und in ein möglichst positives Licht zu rücken. Da werden dann auch Fehler gerne auf andere geschoben. Doch unangenehmen Fragen und Kritik müssen sich die demokratischen Regierungen dennoch stellen und können ihre Kritiker nicht einfach wegsperren.

Doch gibt es in demokratisch regierten Ländern nicht wenige, die mit Bewunderung auf autoritär geführte Länder schauen, weil diese oft schneller und konsequenter gegen die Pandemie vorgehen. In China findet sich denn auch eine Millionenmetropole ganz schnell in Quarantäne, wenn Infizierte entdeckt werden. Das Land erscheint handlungsfähiger und stärker als die schwerfälligen Demokratien, die langwierig um Kompromisse ringen und der Gewaltenteilung unterliegen.

Was woanders möglich ist
Doch auch unter den freiheitlichen Ländern gibt es gravierende Unterschiede im Umgang mit Corona: In einem demokratischen Staat wie Israel beteiligen sich die Geheimdienste an der Suche nach Infizierten und der Kontrolle der Quarantäne-Bestimmungen. In Deutschland wäre das zu Recht undenkbar. In vielen Staaten sind Apps zur Kontrolle der Corona-Ausbreitung im Einsatz, die hierzulande unter den Anforderungen des Datenschutzes und des Prinzips der informationellen Selbstbestimmung absolut chancenlos wären. Und das spätere Impfen ist in Deutschland – zumindest teilweise – der Tatsache geschuldet, dass die Kontrolle der Impfstoffe gründlicher durchgeführt wird als in anderen Ländern, beispielsweise in Großbritannien.

Damit steht die deutsche Regierung in Sachen Corona keineswegs außerhalb der Kritik, so wie andere Demokratien auch nicht. Kritik und Diskussion gehören zum Wesenskern freier Gesellschaften und das müssen alle aushalten. Demokratisch legitimierte Regierungen müssen damit leben, dass ihr Handeln und ihr Unterlassen einer permanenten öffentlichen Diskussion unterliegen. Fehler und Versäumnisse sollen deshalb keineswegs bagatellisiert oder unter den Teppich gekehrt werden.

Gesundheit ist nicht das einzige schützenswerte Gut
Aber diejenigen, die mit dem Krisenmanagement hierzulande nicht zufrieden sind und zugleich mit Neid auf autoritäre Länder schauen, sollten sich darüber im Klaren sein, dass die Gesundheit nicht das einzige Gut ist, dass es in diesen Zeiten zu schützen gilt. Es geht um eine ganze Reihe von Freiheitsrechten und es geht um die Würde des Menschen, dessen Schutz die deutsche Verfassung aus guten Grund an die oberste Stelle setzt.

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