Transparenz in der katholischen Kirche: Bitte jetzt keinen Applaus!

Die Meldung hat hohe Wellen geschlagen: Vor wenigen Tagen hat Papst Franziskus verfügt, dass kirchliche Strafverfahren bei Missbrauchsfällen nicht mehr der Geheimhaltung unterliegen. Das sogenannte „päpstliche Geheimnis“ ist damit für diese Fälle abgeschafft: Für Polizei und Staatsanwaltschaft wird es deutlich einfacher, auf Kirchenakten zuzugreifen. Ein Kommentar von Eva Heuser.

Papst Franziskus hat wichtige Schlupflöcher für Sexualstraftäter wie Vertuscher im kirchlichen Getriebe geschlossen. Doch wirft die jüngste Entscheidung des Papstes, das „päpstliche Geheimnis“ für Fälle sexuellen Missbrauchs abzuschaffen, auch wieder einmal ein Schlaglicht auf die dunklen Seiten der Kirche: auf das, was bisher möglich war. Auf die Selbstherrlichkeit, den Narzissmus, die Feigheit und menschliche Schwäche im Klerus, die ein System ermöglicht hat, dessen Erhalt für einige seiner Mitglieder höchste Priorität hatte und die dafür in Kauf genommen haben, die schwächsten Glieder der Kirche im Stich zu lassen.

Verschärft wird das kirchliche Strafrecht jetzt dort, wo es um kinderpornografische Darstellungen geht, um deren Besitz und Verbreitung. Die Altersgrenze für Opfer wird bis zur Volljährigkeit erhöht, zuvor lag sie bei 14 Jahren. Deutlich verschärft hat Papst Franziskus das Kirchenrecht auch schon in seinem Juni-Dekret „Ihr seid das Licht der Welt“, weil zum ersten Mal neben sexuellem Missbrauch auch das Vertuschen dieser Taten strafbar wurde. Verschärft wurde das Kirchenrecht gleichzeitig durch die Meldepflicht an kirchliche Vorgesetzte. All das ist gut, wichtig und richtig.

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Wenn der Mensch zur Ware wird

Wenn der Mensch zur Ware wird
Minderjährige Mädchen werden auf den Philippinen von Mitarbeitern der "International Justice Mission" aus einem Bordell befreit. Foto: IJM Deutschland e.V.

Der achtjährige Junge entkam nur knapp dem Tod, als er aus dem eingestürzten Schacht gezogen wurde. Täglich schuftete er zehn bis zwölf Stunden in der Mine unweit von Geita im Osten von Tansania. Die Goldmine war eher ein Loch, kaum größer als ein Quadratmeter, und in 70 Metern Tiefe. Für Dietmar Roller war die Rettung des Jungen die erste direkte Begegnung mit Sklaverei, denn der Junge arbeitete als Sklave für einen Minenbesitzer.

Arme sind schutzlos

Seit vielen Jahren engagierte sich Roller in der Entwicklungshilfe, für verschiedene Organisationen und auch als freier Consultant für Hilfsorganisationen. Doch bei „International Justice Mission“ (IJM) fand er eine Ausrichtung, auf die er „lange gewartet hatte“. Denn ihn beschäftigte schon lange, wie schutzlos Arme sind. „Es gibt sehr viel Elend in der Welt. Aber für mich ist Menschenhandel und moderne Sklaverei die größte Tragödie in unserer heutigen Zeit, weil man den Menschen die Freiheit nimmt und auch das Recht sich zu entfalten. Stattdessen werden sie zur Ware degradiert und dienen dem Gewinnstreben.“

Rechtsbrüchen ausgeliefert

Dietmar Roller, Vorstandsvorsitzender der “International Justice Mission” in Deutschland, kämpft gegen moderne Sklaverei. Foto: IJM Deutschland e.V.

Wer für Armut etwas tun wolle, sagt Roller, dem gehe es meist um Versorgung, Bildung, Zugang zu Wasser oder Gesundheit, aber kaum um Recht. Doch es sei eben besonders die Recht- und Schutzlosigkeit von Armen, die sie in die Fänge von Sklavenhaltern treibe. „Armut ist nicht die Abwesenheit von Reichtum“, betont Roller, „arm ist, wer an den Rand gedrängt wird und nicht teilhaben kann an dem, was sich entwickelt und vorangeht. Arme sind Rechtsbrüchen ausgeliefert, weil es immer wieder rechtsfreie Räume gibt, in denen sie ohne Risiko ausgenutzt werden können.“ Geschäftsmodelle im rechtsfreien Raum funktionierten, weil niemand rechtlich dagegen vorgehe.

40 Millionen Sklaven weltweit

Für Roller sind Sklaverei und Menschenhandel noch viel zu wenig im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Schätzungen zufolge sind es weltweit über 40 Millionen Menschen, die in modernen Formen der Sklaverei leben. Sklaverei sei lukrativ: 150 Milliarden Dollar Gewinn werde weltweit mit Menschenhandel und moderner Sklaverei erzielt. Das entspreche in etwa der Größenordnung des weltweiten Waffenhandels oder des Drogenhandels.

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“Argument gegen den Frauendiakonat ist meines Erachtens entfallen”

Der synodale Weg der katholischen Kirche weckt Hoffnungen. Andererseits stößt er auf Kritik und Skepsis bei Menschen, die nicht an eine Veränderung in der katholischen Kirche glauben, und denen mögliche Schritte nicht weit genug gehen. Was aber ist überhaupt möglich? Was kann der synodale Weg und was kann er nicht?

Professor Bernhard Sven Anuth lehrt Kirchenrecht an der Universität Tübingen. Foto: Sarah Röser

Wir sprechen mit Bernhard Sven Anuth, Professor für Kirchenrecht an der Universität Tübingen, über Chancen und Grenzen – von Amazonas bis Zölibat. Und lassen uns überraschen: Denn den Diakonat für Frauen hält Anuth theologisch wie rechtlich für möglich.

Herr Anuth, die Satzung des synodalen Wegs ist veröffentlicht. Darin steht: Beschlüsse der Synodalversammlung aus Bischöfen und katholischen Laien haben keine Rechtskraft. Als was muss man den synodalen Weg sehen, wenn er Kirchenrecht nicht ändern kann?

Als Wiederauflage des Gesprächsprozesses unter anderem Namen, würde ich sagen. Der Gesprächsprozess nach 2010 ist ohne konkrete Ergebnisse geblieben. Es sollte jetzt mehr Verbindlichkeit in den synodalen Weg kommen, das waren zumindest die Ankündigungen im Frühjahr sowohl vom ZdK (Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Anm. d. Red.) als auch von den Bischöfen. Verbindlichkeit erzeugt der synodale Weg nach diesem Statut aber nicht. Alle Mitglieder der Synodalversammlung haben gleiches Stimmrecht. Es wird dann aber eine doppelte Zweidrittelmehrheit gefordert: eine der anwesenden Mitglieder der Synodalversammlung und darin muss eine Zweidrittelmehrheit der Mitglieder der Bischofskonferenz enthalten sein.

Also gibt es keine Mitbestimmung auf Augenhöhe.

Nein. Und es geht ja noch weiter. Wenn zwei Drittel der Bischöfe mitstimmen, gibt es einen Beschluss. Für den aber gilt laut Statut: „Beschlüsse der Synodalversammlung entfalten von sich aus keine Rechtswirkung. Die Vollmacht der Bischofskonferenz und der einzelnen Diözesanbischöfe bleibt unberührt.“ Damit ist dem Beschluss jede rechtliche Verbindlichkeit genommen. Er hat allenfalls den Charakter eines Rates oder einer Empfehlung.

Warum geht das ZdK dann mit?

Wenn gilt, was im Frühjahr gefordert wurde, müsste das ZdK so konsequent sein und sagen: Ohne echte Beschlussfähigkeit machen wir diesen synodalen Weg nicht mit. Was soll da mehr herauskommen als ein Appell? Und Appelle gibt es genug. Die Themen liegen ja auf dem Tisch, bei denen Veränderungsbedarf besteht. Kein einziger Bischof ist an die Beschlüsse gebunden, selbst wenn sie mit großer Mehrheit gefällt werden.

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